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27. August 2009

Stille Tage in Siebenbürgen - Landpartie 1

Meine Reise nach Siebenbürgen ist eine Reise in die Stille. Umso mehr als ich aus Buenos Aires komme, einer Stadt, die niemals schläft und ihre ganz eigene Geräuschkulisse hat. Für zwei Tage fahren wir übers Land, durch deutsches, rumänisches und ungarisches Siedlungsgebiet. Besonders im Gebiet der Szekler, dem ungarischen Stamm, dessen Herkunft sich im Dunkel der Geschichte verliert, entfaltet sich bäuerliches Leben, wie wir es nur noch aus Kinderbüchern oder historischen Darstellungen kennen. Am Rande Europas machen wir eine Zeitreise ins 19. und frühe 20. Jahrhundert. Störche nisten auf Kirchtürmen. Hinter den breiten, oft reich geschnitzten Toren der farbenfreudig angestrichenen Bauernhäuser ahnen wir Küchengärten unter Weinlauben. Pferdewagen bringen die Ernte auf holprigen Alleen ins Dorf. Ein Junge treibt eine Gänseschar vor sich her. Das Heu wird von Hand mit der Mistgabel aufgeladen. Am Straßenrand sitzen Frauen und verkaufen Kürtöskalacs, das zylinderförmige, ungarische Gebäck, das am Spieß über Feuer gebacken und dann in Zimt, Kokos ode anderem Süßem gerollt wird, und allerlei Eingemachtes. Eine Gruppe von Romas mit hohen schwarzen Kappen ist mit dem Eselwagen unterwegs.

Eingebettet in diese Bilderbuch-Landschaft sind die Kirchenburgen. Einige der Wehrkirchen Siebenbürgens haben es mit ihrer einmaligen Verbindung von Kirche und schützendem Mauerring auf die Unesco-Liste des Weltkulturerbes gebracht. Der Name Siebenbürgen wird mir hier erst anschaulich. Die sieben Stühle mit ihren Burgen vereinigten sich zu dieser Provinz, der es bis in die Zeit der kommunistischen Herrschaft gelang, eine gewisse kommunale Eigenständigkeit zu bewahren. Die Landwirtschaft war noch in jüngster Zeit in den Nachbarschaften genossenschaftlich organisiert, bis zur gemeinsamen Dorfkasse für Feste und Beerdigungen. In den Kirchenburgen fand die Gemeinde in früheren Jahrhunderten Schutz vor den Türken- und Tatareneinfällen. Eine Karte verzeichnet mehr als 40 noch bestehende Kirchenburgen im Einzugsgebiet von Hermannstadt, Schäßburg und Kronstadt. Unmöglich, auch nur die schönsten in den zwei Tagen anzuschauen. So beschränken wir uns auf eine Auswahl zwischen besonders großen, typischen und kleineren, idyllisch abgelegen Wehrkirchen.

Zum Auftakt eine Unesco-geadelte Kirchenburg: Auf einem Hügel direkt hinter dem Gasthof Sachsenbischof gelegen, ist die Kirche von Biertan/Birthälm ein echtes Schau-ins-Land. Durch einen gedeckten Gang klettert man zur Kirche in ihrem doppelten Mauerring hinauf. Der Innenraum ist voller Schätze aus Hoch- und Spätmittelalter und früher Neuzeit: Aus Wien und Nürnberg kamen die Künstler, die im 15. Jahrhundert den prächtigen Flügelaltar gestalteten. Das Lindenholzschnitzwerk des Chorgestühls ist das Werk einheimischer Bildhauer aus Schäßburg. Eine Rarität das Sakristeiportal mit seiner spätgotischen Sandsteineinfassung und dem ausgeklügelten Schloss auf der Innenseite. Die Steintafel mit lateinischer Inschrift, die man bei Birthälm im Wald fand, belegt, dass es hier schon im 4. Jahrhundert Christen gab.
Anders als Birthälm liegt Malancrav/Malmkrog fast versteckt zwischen üppigem Grün in seinem Mauerrringoval. In der Kirche mischen sich Elemente der Hoch- und Spätgotik, der Renaissance und des Barock zu einem harmonischen Gesamtbild. Besonders schön und gut erhalten die Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert hinter und über dem gotischen Flügelaltar im Chor. Unter der Sakristei ruhen Mitglieder der Grundherren aus der ungarischen Adelsfamilie Apafi, der wir schon in Birthälm, wo ihr Trauben geschmücktes Wappen den Schlussstein des Chorgewölbes bildet, begegnet waren. Sie sollte später noch eine Überraschung für uns bereithalten.

Weiß leuchten uns Mauern und Türme von Viscri/Deutsch-Weißkirch entgegen, als wir vom Dorf her zur Anhöhe der Kirchenburg aufsteigen. Im Pfarrhaus sprechen wir wegen des Schlüssels vor. Eine Bauersfrau begleitet uns durch den Hain mit Kastanien und Linden am Fuß der Burg und schließt mit großem Schlüssel die Tür auf. Bis hinauf in die Turmspitzen können Schwindelfreie auf schmalen Leitern klettern. In den Kammern des gedeckten inneren Burgrings hat man ein volkskundliches Museum eingerichtet. Von der Decke hängt eine Speckseite, vielleicht als Wegzehrung für Besucher? Mitnichten! Sie demonstriert einen Brauch, der noch bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bestand. Im kühlen Wehrgang bewahrten die Bauern der Gemeinde ihren Speck auf. Am Sonntag nach dem Kirchgang schnitt man sich das Stück für die kommende Woche von seiner – nummerierten – Speckseite ab. Der Herr Pfarrer stand daneben und wachte darüber, dass keiner sich heimlich vom Speck des Nachbarn bediente.

Weit vorgeschoben liegt am südöstlichen Rand von Siebenbürgen, im Burzenland, die große Burganlage von Prejmer/Tartlau, eine Gründung des deutschen Ritterordens aus dem 13. Jahrhundert. Wie Birthälm und Deutsch-Weißkirch wurde sie in die Unesco-Liste aufgenommen.Ihre Besonderheit ist die zu einer wahren kleinen Stadt innerhalb der Befestigung ausgebaute 5 Meter hohe und bis zu 14 Meter tiefe Umfassungsmauer. In dieser besonders von kriegerischen Scharmützeln geplagten Grenzlage an einem Pass fand der ganze Ort bei Bedarf in der Wehrkirche Platz und konnte in den rund 300 Kammern der Burg wohnen. Ein ausgeklügeltes System von Gängen über vier Etagen verbindet die Räume. Selbst eine Schule, mit alten Schulbänken, wie aus der Hasenschule möbliert, fand Platz. Über den äußeren Graben führt eine gedeckte steinerne Brücke mit Falltür, deren eiserne Zähne bedrohlich über dem Besucher schweben. Das Städtchen drum herum lässt noch das mittelalterliche Straßenmuster erkennen. Auf einem Dach gegenüber nistet ein Storchenpaar.

Im Kreis Kronstadt ist burgenmäßig überhaupt eine ganze Menge los. Von Weitem sichtbar liegt passend düster auf einer Bergspitze die angebliche Draculaburg Bran, zu deutsch Törzburg. Hier soll Graf Vlad Tepes, der Pfähler, gar nicht gelebt haben. Man konnte ihm die Vampirstory um so leichter andichten, als er schon vom Vater her den Beinamen Draculea hatte, was so viel wie zum Drachenorden gehörig bedeutete. Wir stürzen uns mutig ins Gewühl und finden sogar einen Parkplatz. Vorbei an den Verkaufsbuden mit allem, was das Herz begehrt, von Persianerkappen bis zu Vampir-T-Shirts, windet sich die Kassenschlange. Spanische, englische, französische, rumänische und deutsche Gesprächsfetzen rund herum. Wir kalkulieren, dass wir womöglich eine Stunde brauchen würden, um eine Eintrittskarte für die Burg zu ergattern und verzichten. Trösten können wir uns damit, dass Vlad möglicherweise nie dort war. Das Schloss gehörte zum Bestand von Kronstadt und wurde an die Nachkommen der rumänischen Königsfamilie, einem Zweig der Habsburgs, zurückgegeben, denen die Stadt es 1920 überlassen hatte. Die Royals vermarkten es nun touristisch und wollen es zum Dracula-Museum umgestalten.

Nahebei liegt ausgedehnt und vieltürmig wie eine befestigte Stadt auf einem Bergkegel die weitläufige Burganlage von Rasnov/Rosenau und entschädigt uns für das verpasste Bran-Schloss. Dort klettern wir nun fröhlich herum und werden mit einem herrlichen Ausblick über das waldige Bergland Transsilvaniens belohnt. Burgenliebhaber kommen hier wahrlich auf ihre Kosten. Es gibt eigens einen Lageplan, damit man keinen Winkel versäumt. Auch das erschröckliche Skelett fehlt nicht. Kurz vor dem Ausgang grinst es aus einer glasbedeckten Vertiefung im Boden. Schön gruselig. Unten im Ort Rosenau erholen wir uns vom Burgenerklimmen in einem Gasthaus auf der Holzveranda im Innenhof und probieren rumänische Kuttelnsuppe mit Schmand.

Bildnachweise:
Karte: Hermann Fabini, Cetati Bisericesti in Transilvania. ABF Monumenta. Sibiu 1998
Sakristeitür Birthälm: Die Kirchenburg in Birthälm. Kurze Beschreibung. o.J., o.O
Kirche Malmkrog: Hermann Fabini, Die evangelische Kirche in Malmkrog. Baudenkmäler in Siebenbürgen. H.50. Honterus-Druck Sibiu
Kirche Deutsch-Weißkirch: Hermann und Alida Fabini, Kirchenburgen in Siebenbürgen. Koehler & Amelang. Berlin 1991

Störche, Wehrgang, Schloss Bran: Mateo Urquijo

Stille Tage in Siebenbürgen - Stadtgänge 4





Hermannstadt gilt als das Zentrum der Siebenbürger Sachsen, aber die Stadt ist nur eine unter den Schönen des Landes. Jede hat ihr eigenes Flair. Brasov/Kronstadt ist eleganter, meint Hedda, und Silvia hat es eine Konditorei dort angetan. Größer und lebhafter als Hermannstadt ähnelt Kronstadt, 140 Kilometer östlich, mit seinem alten Rathaus samt Turm am großen Platz Piata Sfatului, den Blumenrabatten und den von Belle Epoque-Häusern gesäumten Avenuen einem verkleinerten Wien. Gegründet wurde es schon im 13. Jahrhundert von deutschen Ordensrittern. Mit 280.000 Einwohnern ist es im Verhältnis zu Hermannstadt eine Großstadt. Salzburg/ Sibiuli/Ocna hatten wir schon auf dem Weg passiert. Der Kurort heißt wie die österreichische Schwester, weil man hier in der Sole baden und für die müden Knochen Erleichterung finden kann.

Am Kronstädter Hauptplatz ist ein riesiger Kran aufgefahren, der für eines der zahlreichen Sommerevents Tribünen aufbaut. Zu einer Seite ragt ein bewaldeter Hügel über dem Platz auf, an dem im Hollywood-Design der Namenszug Brasov prangt. Während man von Hermannstadt weit ins Land guckt, liegt Kronstadt in einem Talkessel. Unter den Sonnenschirmen der Cafés ist fast jeder Platz besetzt. Wir gehen ein paar Straßen weiter zur schwarzen Kirche. Auch hier gotische Strenge und das Gegenüber von Gottes- und Schulhaus wie in Hermannstadt. Neben dem Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt ist das Johannes Honterus-Gymnasium von Kronstadt die wichtigste deutschsprachige Schule Siebenbürgens. In der Kirche, die als größte gotische Kathedrale Südosteuropas ein Touristenmagnet ist, Jubel, Trubel, Heiterkeit, vor allem von rumänischen Ausflüglern. Die Mobiltelefone klingeln, die Kinder spielen, auf den Bänken hält man einen Schwatz. Andachtsvoll dagegen die wenigen Besucher die wir später im Halbdunkel der orthodoxen Kirche an der Piata Sfatului antreffen. Die evangelischen Kirchen werden von den meisten Rumänen wohl eher als Museen, denn als Andachtsstätten empfunden. Sie tragen allerdings mit der Eintrittsgebühr, die in allen Kirchen erhoben wird, obwohl sie weiterhin für Gottesdienste genutzt werden, und den Verkaufständen selbst zu diesem Image bei. Fast wähne ich mich in einer Moschee. Die Wände und Kirchenbänke sind über und über mit türkischen Teppichen behängt, was besonders in der sonstigen Kargheit einer protestantischen Kirche seltsam anmutet. Ich werde den Teppichen noch in vielen Kirchen Siebenbürgens begegnen. Wohlhabende Kaufleute pflegten in früheren Jahrhunderten von Geschäftsreisen in die Türkei Teppiche mitzubringen und sie ihren Gemeinden zu stiften. Wir schlendern durch die Altstadtgassen und flüchten schließlich vor einem Regenguss in die empfohlene Konditorei. Der Kuchen ist vorzüglich, aber die Selbstbedienung und der recht unfreundliche Service lassen keine Wiener Kaffeehaustimmung aufkommen.

Nur kurz halten wir uns im Rothenburg ob der Tauber von Rumänien auf. Das pittoreske Sighisoara/Schäßburg mit seinen steil ansteigenden Gassen, den blumengeschmückten Hutzelhäusern, den Linden bestandenen Plätzen und der Märchenbuch-Burg hoch oben als Krönung mag an einem Frühjahrs- oder Herbsttag reizvoll sein. Jetzt in der hochsommerlichen Ferienzeit platzt es aus allen Nähten. Für Dracula-Fans ist es ein Muss, soll der blutsaugende Graf doch hier geboren sein. Etwas ruhiger wird es in der Klosterkirche. Im 13. Jahrhundert vom Dominikanerorden begonnen, besitzt sie einen Flügelaltar mit einem Gemälde eines Sohnes von Veit Stoss, eines der wenigen Überbleibsel nach einem Brand im 17. Jahrhundert. Mich nehmen vor allem die naiv bemalten Kirchenbänke gefangen. Zunftzeichen verweisen auf die Gewerbe der Kirchenältesten, Bibelsprüche sind wie mit Cartoons illustriert: Aus den Wolken am Himmel kommt die göttliche Hand und leitet den Blinden an einer Schnur. Eine andere hält die Himmelskrone segnend überm Kirchlein. Welche Missstände unter anderem zur Reformation führten, kann man an einem uralten Dokument hinter Glas ablesen. Ein Ablassbrief von der Wende des 13. Jahrhunderts verspricht dem sündigen Käufer Straferlass. In späterer Zeit machte man sich in anderer Weise in der Kirche beliebt. Auch die Schäßburger Klosterkirche ist mit türkischen Teppichen geschmückt. Über den religiösen Hintergrund zumal der Gebetsteppiche, auf denen die Mihrab, die muslimische Gebetsnische, abgebildet ist, sah man großzügig hinweg.

Ganz anders Fogarasch/Fagaras. Diese rumänische Stadt mit dem ungarischen Namen, etwa auf der Mitte zwischen Hermannstadt und Kronstadt, liegt jenseits der Touristenströme. Im weitläufigen Zentrum erhebt sich mächtig die orthodoxe Kathedrale. Die Kuppel ist im Gerüst verborgen. Wird hier neu gebaut oder renoviert? Überall sehen wir orthodoxe Kirchen im Bau, zu viele meint so Mancher. Seit man den Kommunismus abgeschüttelt hat, prosperiert die orthodoxe Kirche und will Zeichen setzen. Wer mag die Riesenbauten füllen? Nur die Älteren gehen regelmäßig in die Kirche, meint Anca. Mitten im Ort, von einem Graben umgeben, steht die Schlossburg mit dicken Mauern und runden Türmen aus dem 17. Jahrhundert, ein Bollwerk in den Türkenkriegen. Allenthalben Wehrtürme, Reste von Stadtmauern, Burgen. Überleben konnten wohl in dem umkämpften Grenzland nur wehrhafte Orte. Am Ortsausgang fahren wir an einer kleinen Kirche ganz aus dunklem Holz vorbei. Sie erinnert an die norwegischen Stabkirchen. Wir haben Zeit, sie zu betrachten, denn eine Kuhherde trottet gemächlich des Wegs. Der Höhenzug der Fagarasberge begleitet uns mit seinen Zipfelmützengipfeln, die aussehen, als wohnte hinter diesen sieben Bergen Schneewittchen, auf der Fahrt nach Hermannstadt zurück.

Bildnachweise:
Malerei in Klosterkirche Schäßburg: Honterus-Druck, Sibiu
Sonnenschirme Kronstadt, orthodoxe Kirche Fagaras: Mateo Urquijo