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4. Juli 2010

Relative Armut

Wer am zentralen Bahnhof Retiro ankommt, und sich von dort in die betuchten nördlichen Vororte von Buenos Aires begibt, fährt an einem Stück Dritter Welt vorbei. In der Villa 31 stapeln sich direkt zwischen Bahngleisen und Stadtautobahn ärmliche Häuschen und Bretterverschläge in wildem Chaos über- und nebeneinander. Diese Villa Miseria, wie die Elendsviertel hierzlande heißen, liegt mitten im Zentrum. Viele andere, in die so mancher Porteno nie einen Fuß setzen würde, breiten sich in der südlichen Stadthälfte aus. Die Armut deutlich zu verringern, ist trotz flammender Rhetorik und etlichen Ad-Hoc-Zuwendungen auch der linksperonistischen jetzigen Regierung nicht gelungen.

Doch Armut ist relativ. Schaut man auf die Statistik, so steht Argentinien innerhalb Lateinamerikas nicht so schlecht da. Nach einer Untersuchung von Gallup müssen 25,3% aller Argentinier mit weniger als 2 USD pro Tag auskommen, und einer unter fünf hat keinen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Besser geht es aber auf dem Subkontinent nur den Chilenen. Alle anderen, selbst das prosperierende Brasilien und das gesamtwirtschaftlich potentere Mexiko, weisen noch schlechtere Ergebnisse im Armutindex auf.

Foto: Fernando Rey

9. März 2010

Das Erdbeben von Chili - real

Während ein neues schlimmes Beben die Türkei heimgesucht hat, leidet Südamerika weiter mit den Chilenen angesichts des Ausmasses der Naturkatastrophe und der gigantischen Aufbauarbeit. Auch eine Hoffnung scheint zu zerbrechen. Besorgt fragt man sich in Argentinien, ob Chiles ehrgeiziges Ziel, 2018 zu den Ländern der 1. Welt aufzuschließen und damit eine Vorreiterrolle für ganz Südamerika zu übernehmen, noch erreichbar sein wird.
Anders als Kleist, der seine dramatische Erzählung Das Erdbeben von Chili in St. Jago, dem heutgen Santiago von 1647 spielen lässt, wurde der bekannte mexikanische Schrifsteller Juan Villoro vom wirklichen Beben des Jahres 2010 in Santiago überrascht und überschreibt seinen Augenzeugenbericht, in La Nación vom 6.3. 2010 abgedruckt, El sabor de la muerte, Der Geschmack des Todes:
Während zweier endloser Minuten warf die Erschütterung Flaschen, Bücher und das Fernsehgerät um. Das Gebäude (des Hotels) neigte sich, und durch die Wand konnte ich Schreie hören... Ich würde aus der Welt in einem Bett verschwinden, das nicht meines ist, aber meine Familie (zuhause in Mexico City) war sicher. Angst und Ruhe schienen mir eins zu sein. Etwas fiel vom Dach, und ich hatte im Mund einen beißenden Geschmack. Es war Staub, der Geschmack des Todes... Als das Beben aufhörte, überkam mich ein Gefühl von Unwirklichkeit. Ich stellte mich auf die Füße, mit der Dünung, wie ein Seemann auf der Erde. Es war nicht normal, lebendig zu sein. Die Seele kehrte nicht in den Körper zurück...

Die Besatzung des chilenischen Segelschulschiffes Esmeralda - gerade mit der Südamerika-Regatta im Hafen von Buenos Aires - erlebte die Angst von Ferne, die Angst um Familie und Freunde. Es war eine fürchterliche Angst, sagte Kapitänleutnant Rodrigo Feldestedt. Mein Haus stand gegenüber dem Strand, und ich fürchtete das Schlimmste. Aber als ich wusste, dass meine ganze Familie gerettet war, machte es mir nichts aus, dass der Tsunami sich bis an die Fenster meines Hauses gehoben hatte.

Nicht nur dieses Haus liegt in Trümmern. Zahllose Menschen sind obdachlos geworden. Häuser, Schulen, Krankenhäuser und Straßen müssen wieder aufgebaut werden. Die deutschen Hilfsorganisationen haben die Aktion Deutschland hilft ins Leben gerufen und bitten um Spenden für Menschen in Chile: Stichwort Erdbeben Chile, Spendenkonto 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370 205 00

Foto: La Nación, 4.3.2010