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2. Mai 2010

Das Fest des Buches IV

Auf der Avenida Sarmiento und erst recht auf der Feria del Libro war Fiesta! Ganz Buenos Aires war auf den Beinen, ließ sich die Stadtverwaltung am Dia de la Ciudad doch nicht lumpen und hatte zwei große Bühnen aufgebaut. Schöne Mädchen führten ihre Trachten aus der Zeit der Befreiungskriege in milder Spätsommerluft spazieren, von den Bühnen klangen schmelzende Lieder von Liebesleid und -lust. Die Schlange vor dem Eingang zur Buchmesse wolllte kein Ende nehmen. Stolz drängelte ich mich vorbei, denn ich war ja als Autorin gekommen. Wie zu erwarten, war aber das Interesse für ein deutsches Buch über Buenos Aires bei den Portenos nicht allzu groß, und ich konnte mich bald vom Deutschen Gemeinschaftsstand davon machen, um all die Herrlichkeiten dieses großen Jahrmarkts zu genießen. Echt japanisch ließ ich meinen Namen mit Tusche aufmalen. Das Islamische Zentrum drückte mir Sprüche Mohameds in die Hand, und ein paar schmucke Jungs der Argentinischen Marine standen fürs Foto bereit. Am Stand von Paraguay konnte ich endlich eine Straßenkarte des Nachbarlandes ergattern und das ebenso lange gesuchte Guaraní-Wörterbuch.
Ich hielt bis 22.00 durch, um das Gedenkkonzert für La Negra, für die unvergleichliche Mercedes Sosa, mitzuerleben. So gegen 21.00, wenn auf deutschen Messen schon längst dicht gemacht worden ist, wurde das Gedränge geradezu bedrohlich. Man kam heute abend an der langen Nacht der Messe kostenlos hinein. So strömten Urahne, Mutter und Kind herbei und umlagerten jeden Stand, vor allem die, bei denen es ums Bicentenario, um die Feier der eigenen zweihundertjährigen Geschichte ging, die im Rückblick immer glorreicher wird.

Foto: Marion Kaufmann

29. April 2010

Das Fest des Buches III

Morgen wieder auf die Feria del Libro. Diesmal in eigener Sache. Am Deutschen Gemeinschaftsstand, Nr. 1923 im Pabellon Amarillo, auf der Rural an der Plaza Italia werde ich am 1.5. um 17.00 mein Buch "Unterwegs im Tangoschritt - Streifzüge durch Buenos Aires" signieren. Bin gespannt, wieviele deutschsprachige Portenos sich von einer Zugereisten etwas über ihre Stadt erzählen lassen wollen. Glücklicherweise bin ich nicht geschasster Nationalbankchef und muss mein Erscheinen absagen, weil ich Übergriffe von Demonstranten zu befürchten hätte, wie Martin Redrado.

27. April 2010

Das Fest des Buches II

Eine spannende Debatte konnte man auf der Feria del Libro am Sonntag verfolgen. Bei einer Podiumsdiskussion von acht bekannten regierungskritischen Journalisten der Zeitungen Clarín, La Nación und Perfil - die eingeladenen regierungsfreundlichen hatten abgesagt - ging es um die Freiheit der Meinungsäußerung. Alle acht sehen die Pressefreiheit als zunehmend bedroht an und waren selbst zum Teil einschüchternden verbalen Angriffen ausgesetzt. Nach Darstellung von Daniel Santoro, Clarín, hat es im Jahr 2009 landesweit 147 Angriffe auf Journalisten gegeben. Das Panel sieht die Schuld bei der Regierung, die teils selbst gegen die ihnen nicht genehme Presse hetze, teils ihre Gefolgsleute zu aggressiven Protesten gegen Journalisten animiere oder gegen Rufmordkampagnen nicht Stellung beziehe.

Hintergrund der Debatte im sich zuspitzenden Pressekrieg ist ein anonymes Plakat aus den letzten Tagen, auf dem bekannte Journalisten mit Foto und Namen gezeigt und als ehemalige Handlanger der Militärdiktatur denunziert werden, u.a. weil sie bei einer Zeitung arbeiteten (Clarín), deren Herausgeberin vermutlich Kinder von desaparecidos adoptiert habe (siehe dazu Blogeintrag Zwangs"beglückung" vom 23.4.2010) Für Donnerstag dieser Woche haben die Madres de la Plaza de Mayo, die sich unter ihrer Chefin Hebe de Bonafini zu einer kirchnertreuen Kampftruppe entwickelt haben, zu einem öffentlichen Tribunal gegen dieselben Journalisten auf der Plaza de Mayo aufgerufen. Anibal Fernandez, der als Kabinettchef eigentlich über der Debatte stehen sollte, ließ sich kürzlich mit einem T-Shirt fotografieren, auf dem das Wahrzeichen von Clarín, ein Mann mit Fanfare, zu Boden gestürzt ist.

Das Klima der Intoleranz und die Tiefe der ideologischen Spaltung der argentinischen Gesellschaft zeigt ein anderer Vorfall auf der Messe vom selben Tag. Eine Gruppe von Demonstranten versuchte, die Vorstellung eines Buches zu verhindern, in dem Kritik am INDEC, dem nationalen Amt für Statistik geübt wird, das schon seit Jahren neuralgische Daten wie die Statistiken für Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut schönfärbt und vom Internationalen Währungsfonds wiederholt kritisiert wurde. Beatrice Sarlo, bekannte linksliberale Publizistin und u.a. ein Jahr Gast des Wissenschaftskollegs in Berlin, sagte vom Podium aus, die Demonstration zeige, wie notwendig die politische Debatte um das Amt für Statistik sei.

Angesichts der aktuellen Misere stehen große Teile der Messe ganz im Zeichen der Nostalgie. Im Jahr des Bicentenario findet sie unter dem Motto Festejar con Libros 200 Anos de Historia statt. So gibt es eine Fülle von Neuerscheinungen zu Argentiniens Geschichte und viele schöne Bildbände im Geiste nationaler Erbauung. Bücher über die Helden der Unabhängigkeitskriege, San Martín und Belgrano, über das spezifisch argentinische Amalgam aus weitem Land, Gauchos, Pferden und Traditionsliebe, das man gerne als Criollo bezeichnet, Künstlerbücher zur Zweihundertjahrfeier, wer in Argentinischem schwelgen will, wird heuer reich bedient.


Karikatur : La Nación, 27.4.2010: " Sieh mal, was ich mir für ein Riesenbuch auf der Feria del Libro gekauft habe." - "Großartig. Worum geht es denn darin?" - "Keine Ahnung. Ich benutze es als Schutzschild, wenn ich zu Buchvorstellungen gehe, in denen die Regierung kritisiert wird."

Foto Anibal Fernandez: Noticias, 24.4.2010
Foto INDEC-Demonstranten: La Nación, 26.4.2010

Zeichnung Bicentenario: Clarín-Beilage N, 24.4.2010

25. April 2010

Das Fest des Buches I

Seit Mittwoch ist die Feria del Libro eröffnet und alle, alle kommen zu dieser größten Bücherschau Lateinamerikas. Anders als die Frankfurter Buchmesse, die mehr für Fachleute da ist, gehört die Feria del Libro dem Publikum, zum Kaufen, Schauen und Zuhören bei all den zahlreichen Lesungen, Events und Konzerten und den gleich zwei langen Nächten des Buches.

Wer sich mutig in das unglaubliche Gewimmel auf der Rural, dem Messegelände im Stadtteil Palermo, stürzt, glaubt gerne, dass letztes Jahr 1,3 Millionen Menschen zusammenströmten, und dieses Jahr werden es nicht weniger sein.

Das deutsche Interesse an diesem Fest des lateinamerikanischen Buches ist diesmal besonders groß. Jürgen Boos, der Chef der Frankfurter Buchmesse, ist angereist und eine Journalistenriege fast aller großen deutschen Zeitungen wird für nächste Woche erwartet. Nicht von ungefähr, denn im Oktober wird sich Argentinien auf der Frankfurter Buchmesse als Gastland präsentieren. Wie wichtig Argentinien diesen Auftritt nimmt, kann man daran ablesen, dass Präsidentin Cristina Kirchner höchst selbst den Messechef aus Frankfurt empfangen hat und im Oktober zur Eröffnung der Argentinien-Schau nach Deutschland reisen will.

Ein Wermutstropfen fiel für kritische Geister in die Feria-Freude, als am Donnerstag die von der Messe eingeladene Kuba-Dissidentin, die Ärztin Hilda Molina, durch militante Pro-Castro-Gruppen an ihrer Lesung gehindert wurde und den Saal verlassen musste, ohne dass die Messeleitung oder die Sicherheitskräfte ihr wirksam zu Hilfe kamen. Hilda Molina wurde bekannt, als die kubanische Regierung sie jahrelang daran hinderte, zu ihrer in Argentinien lebenden alten und kranken Mutter zu reisen, weil sie dem Regime nicht genehm ist.


Zeichnung: Clarin-Beilage N, 24.4.2010
Foto: La Nacion, 24.4.2010