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5. Dezember 2010

I don´t cry for Argentina

Der Tod des umstrittenen Expräsidenten Nestor Kirchner und die Orgie von inszeniertem pomnp funèbre waren die letzten Eindrücke, die ich aus Argentinien mitnehme. Dreieinhalb Jahre ergeben für mich eine eher gemischte Bilanz.

Da ist vieles Gewinnende und manches Irritierende an Argentinien und den Argentiniern. Buenos Aires' pulsierendes Kulturleben gepaart mit der Schönheit landschaftlicher Highlights, wie Iguazu-Wasserfälle, Gletscher und Andenhöhen ergeben ein kontrastreiches Kaleidoskop von Eindrücken. Dagegen sind die Neigung der Argentinier, in der Vergangenheit zu leben, zwischen Klage über die gegenwärtigen Zustände und Selbstüberschätzung zu schwanken, der Mangel an common sense, nicht nur in der Politik, das Ausmaß von bürokratischer Gängelung des Bürgers und von korrupter Ineffizienz weniger einnehmend.

Nein, weinen werde ich nicht über Argentinien, aber drei spannende Jahre waren es dennoch, auch in den Nachbarländern, von der kleinen Schwester Uruguay, einen Katzensprung über den Rio de La Plata hinweg, über den in Argentinien mit gemischten Gefühlen beobachteten Giganten Brasilien bis zum großartigen Peru, zum geschichtsträchtigen Mexiko und zum stillen Paraguay, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Adiós Südamerika.

27. Oktober 2010

Totenstille

Noch nie in den dreieinhalb Jahren, in denen ich hier an der Plaza del Congreso en pleno centro wohne, war es so still. Kaum ein Auto fährt vorbei. Es gibt keine piquete. Selbst Fußgänger sind nur vereinzelt unterwegs, denn alle Geschäfte und Restaurants haben geschlossen. Es ist Zähltag. Nach neun Jahren der erste Zensus. So begibt sich unsere ganze Hausgemeinschaft in das Erdgeschoss, wo Faustina, die Portiersfrau, einen Tisch für die freundliche Studentin aufgestellt und ihr einen Kaffee gebracht hat, damit sie uns alle in Ruhe zählen kann und fragen, welche Schulausbildung wir haben, ob wir einen Kühlschrank besitzen und wer von gestern auf heute bei uns übernachtet hat.

In diesen stillen Tag platzt die Nachricht, dass Expräsident, de facto-Präsident und Peronistenchef Nestor Krichner in seinem Wochenend-Wohnort Calafate in Patagonien am Morgen verstorben sei. Während das offizielle Fernsehen sofort beginnt, an einer Heldenlegende zu stricken, und sich die ersten Anhänger aufmachen, um an der Plaza de Mayo Blumen niederzulegen, gibt es auch andere spontane Reaktionen. So mancher scheint fast erleichtert zu sein, denn zu sehr lastete das Gewicht des machthungrigen, harten Kämpfers in den letzten Jahren auf dem Land. Wie wird es weitergehen, fragt man sich. Wird Cristina Kirchner, von der es heißt, sie habe nur ausgeführt, was ihr Gatte und Expräsident angeordnet oder eingefädelt hatte, es schaffen, allein weiterzuregieren und sich weiterhin mit allen anzulegen , die sich nicht völlig vereinnahmen lassen, von Presse über Justiz bis zu den Landwirten? Alle sieben Jahre schlittert Argentinien in eine Krise, sagt man hier. Die letzte war um die Wende 2001/2002. Alle hoffen, dass sich der Tod dieses dominanten Politikers angesichts eines möglichen Machtvakuums an der Spitze und einer zersplitterten Opposition nicht zu einer neuen Krise auswächst.

Schon um 19.00 Uhr snd die ersten piquete-Truppen zusammengetrommelt, und es marschiert , skandiert und trommelt wieder vor meinem Haus. Der stramm kirchneristische Jugendverband des Movimiento Evita ist unterwegs. Sie tragen ein Transparent Nestor vive en nosotros/Nestor lebt in uns. Da ist sie wieder, die quasi-religiöse Heldenverehrung, auf die sich populistische Politiker seit Perón immer verlassen konnten.

Die 68er waren da

Mein Buenos Aires-Blog hatte Ruhetage - wegen Argentinien. Denn ich war auf der Frankfurter Buchmesse, um Argentiniens Gastlandauftritt mitzuerleben. Es war ein Auftritt der großen Zahl. Eine 68 hatte man stolz vor dem hellblau-weißen Hintergrund der argentinischen Flagge auf Karten drucken lassen. Soviele Schriftsteller hatte Argentinien für Frankfurt aufgeboten. Im Kunstverein lagen die bunten Karton-Bücher der Verlagskooperative Eloisa Cartonera aus, und es gab Lesungen zuhauf.
Groß, wie alles was aus Argentinien kommt, war auch das Konterfei der Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Es erschien vervielfältigt auf einem historischen Bilderbogen, als hätte die populistische Peronistin die Befreiung von der Militärdiktatur höchst selbst errungen, was sie auch fast so gegenüber dem Spiegel verkündete, nur um es hinterher zu dementieren. Da passte es gut, dass man wie eine Reliquie ein Reisekostüm der ersten Peronistin Eva Perón mitgebracht hatte. Mit Literatur hatte das ebenso wenig zu tun wie die großen Konterfeis von Fußballheld Diego Maradona und Tangokönig Carlos Gardel. Die Klischees, über die Portenos gerne stöhnen, bediente das Land nun ungeniert selbst.

So gab es bei der Diskussion im Anschluss an meinen Vortrag über das Leseland Argentinien bei der Deutsch-Iberoamerikanischen Gesellschaft im Frankfurter Presseclub unter den Teilnehmern neben genuinem Interesse an neuer argentinischer Literatur auch Kritik an Argentiniens rückwärtsgewandter Politik und einer gewissen Großmannssucht. Manchmal scheinen das höchst lebendige Kulturleben von Buenos Aires und die immer mehr in Grabenkämpfen und gewaltsamen Zusammenstößen mit allen oppositionellen Gruppen versinkende Politik auf verschiedenen Sternen stattzufinden.

26. September 2010

Soja & Tango


Was haben die goldgelbe Sojabohne und der Tango gemeinsam? Sie sind beide Goldminen für Argentinien. Bürgermeister Mauricio Macri hat sicher nicht zu romantischen Tango-aficionados gesprochen, sondern zu nüchternen Rechnern, als er vor einigen Tagen erklärte: Für Buenos Aires ist der Tango das, was die Sojabohne für das Land ist: ein Goldesel. Damit spielte der Stadtchef mit schnöder Deutlichkeit auf den einnahmeträchtigen Tango-Boom der letzten Jahre an, der zum Markenzeichen von Buenos Aires schlechthin geworden ist und von der Stadt gezielt gefördert wird. Er hält nicht nur eine Riege von Musikern, Sängern, Tänzern und Varietébühnen in Lohn und Brot, er sorgt auch für eine Tourismusindustrie, die das Stadtsäckel füllt, eben wie die Sojabohne die Schatullen der Zentralregierung. Denn die ölhaltigen Bohnen exportiert Argentinien weltweit bis nach China. Sie haben den Export von Rindfleisch als Haupteinnahmefaktor abgelöst.

Die Sojapreisnotierung wird täglich mit Spannung beobachtet. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Tango an der Börse notiert wird.

4. September 2010

Die heilige Cristina von den Schlachthöfen

Etwas ist faul im Land der Gauchos und des asado. Die Landwirtschaftsbeilagen der großen Zeitungen überbieten sich mit alarmierenden Statistiken. Das Rinderschlachten geht zurück und der Export von Rindfleisch noch mehr! Die Rinderverschläge in den Schlachthöfen von Liniers, einem südlichen Stadtteil von Buenos Aires, werden kaum noch voll. Traurig hängen die verbliebenen Rinderhälften dem Zeitungsleser ins morgendliche Bild.


Ganze Fleischverarbeitungsfirmen müssen schließen. Noch vor zwei Jahren hatte sich Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner hübsch in weiß und lächelnd neben ein paar Rinderseiten fotografieren lasssen. Der brasilianische Konzern JBS, einer der größten Verarbeiter von Rindfleisch weltweit, hatte einen seiner argentinischen Standorte wiedereröffnet. Nun macht er der heiligen Cristina von den Schlachthöfen einen Strich durch die Rechnung. Er will schließen oder verkaufen, weil sich das Geschäft in Argentinien nicht mehr lohne.


Woran liegt´s? Auf dem Inlandmarkt mögen veränderte Eßgewohnheiten eine Rolle spielen, die selbst in Argentinien die Fleischberge, die der Durchschnittsargentinier täglich verzehrt, schrumpfen lassen, obwohl sie im Vergleich zu anderen Ländern immer noch beachtlich sind. Für die Einbrüche beim Export machen die Rinderzüchter dagegen die Regierung verantwortlich. Denn die hält von Marktwirtschaft nicht allzu viel, um so mehr aber von Kontrolle. Der zuständige Staatsekertär, Guillermo Moreno, ist denn auch der bestgehasste Mann unter Bauern und Fleischfirmen. Er kommt schon mal mit Boxhandschuhen zur Sitzung oder legt einen Revolver auf den Tisch, um seinen Gesprächspartnern mit dieser ebenso schlichten wie kruden Symbolik klarzumachen, wer das Sagen hat. Und er diktiert die Preise. Auch die variablen Ausfuhrabgaben, die sich die Regierung vor zwei Jahren ausgedacht hat, tragen nicht zur Besserung der Lage bei. Planungssicherheit ist in Argentinien ohnehin ein Fremdwort.

Selbst der schlichte Bürger merkt es schon. Eine Freundin, deren Sohn in Deutschland lebt, erzählte bekümmert, ihr Sohn bekäme sein gewohntes argentinisches Steak nicht mehr. Das komme jetzt aus Brasilien oder Australien. Also aufgepasst und nachgefragt, wenn man beim deutschen Schlachter zartes Rindfleisch kauft. Das gute Stück kommt doch aus Argentinien, oder?


Fotos: La Nación, 31.8.2010 und 4.8.2010

11. August 2010

Brot und Arbeit

Als ich am letzten Sonnabend im Colectivo Richtung Süden von Buenos Aires fuhr, war es für einen Tag am Wochenende und noch dazu in den Winterferien, in denen alle Welt verreist ist, ungewöhnlich voll. An langen Stangen trugen viele der Mitfahrenden Ährenbündel. Aber es war doch nicht Erntedankfest?

Wir fahren nach Liniers, klärte mich meine Banknachbarin auf, heute ist der Tag von San Caetano. Ich komme aus Quilmes, verriet sie mir. Dort arbeitet die ungefähr Fünfzigjährige mit dem Indiogesicht als Hausangestellte. Ursprünglich ist sie aus der nordwestlichen Provinz Santiago del Estero, einer der ärmsten von Argentinien. Tausende strömten zusammen, um den Bittgottesdienst von Kardinal Bergoglio am Heiligtum von San Caetano in dem armen südlichen Vorort Liniers zu hören und zu dem Heiligen zu beten, der für Brot und Arbeit sorgen soll. San Caetano erfreut sich der größten Beliebtheit unter den auf besondere Wohltaten spezialisierten Heiligen, die in Argentinien verehrt werden, wie etwa San Expedito, der dafür zuständig ist, dass die Angelegenheiten des Gläubigen schnell und gerecht erledigt werden oder San Fanurio, der hilft, Verlorenes wiederzufinden.

Der argentinische Consejo del Salario Minimo wollte anscheinend an einem solchen Tag nicht abseits stehen, hatte er doch am Donnerstag davor beschlossen, den Mindestlohn von 1.500 Pesos auf 1.740 Pesos (ca. 335 €) anzuheben. Leider werden Wenige in den Genuss dieser weltlichen Wohltat kommen, denn gerade im unteren Sektor der Einkommenspyramide arbeiten die Meisten schwarz, und da gibt es keinen Mindestlohn.

5. August 2010

Die Brasilianer sind da!

Zu seinem großen Bruder im Osten hat Argentinien ein gespaltenes Verhältnis. Man hält sich für etwas Besseres, europäischer und eleganter als die in den Augen der Portenos ein wenig ungehobelt-munteren Brasilianer. An den herrlichen Stränden Brasiliens macht man gerne Sommerferien, stöhnt aber über den für Pesobesitzer immer teurer werdenden brasilianischen Real. Zugleich betrachtet man den wirtschaftlichen Aufstieg des Riesen Brasilien nicht ohne die bange Frage, was denn im eigenen Land schief gelaufen sei, so dass Argentinien immer weniger mithalten könne. Jetzt im argentinischen Winter begrüßt man gerne die Millionen brasilianischer Touristen, die Argentinien überschwemmen, auf der Suche nach Schnee zum Skilaufen und nach dem kulturellen Flair, das Buenos Aires ausstrahlt. Sie lassen nicht nur mehr Geld im Land, als nordamerikanische und europäische Touristen, sie sind auch weniger wählerisch, freuen sich die hiesigen Zeitungen. Schon zweimal wurde ich in diesen Tagen im weichen, ein wenig nuschligen Spanisch der Brasilianer nach dem Weg gefragt und gab stolz als 'Einheimische' Auskunft.

Immer mehr Argentinier suchen eine Beschäftigung im prosperierenden Nachbarland. Portugiesisch-Kurse sind gefragt, und Brasilien hat, neben Frankreich, das wohl schönste Stadtpalais als Botschaft. Dort zeigt es gerade einen besonderen Botschafter kühner Moderne und Großzügigkeit auf brasilianisch. In einer üppigen Schau wird das Lebenswerk von Oscar Niemeyer ausgebreitet, dem brasilianischen Stararchitekten, dessen Urahne Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Hannöverschen nach Portugal ausgewandert war. In einem Film kann man den Vater der brasilianischen Architektur des 20. Jahrhunderts erleben, der mit seinen 103 Jahren noch täglich arbeitet und voller neuer Projekte steckt, so für ein Stadion zur Fußball-WM 2014 in Brasilien. Auf Großfotos und in Modellen ist die Fülle seiner Bauten ausgebreitet, vor allem die Prachtmeile Brasilias, die in den fünfziger Jahren in weniger als einem Jahrzehnt aus dem Boden gestampft wurde und die bezaubernde fliegende Untertasse, als Museum für Moderne Kunst in Niteroi in der Bucht von Rio de Janeiro gelandet. Aus seinen europäischen Exiljahren stechen eine Moschee in Algerien und ein Kulturzentrum in Le Havre hervor.

Auch Argentinien soll sein Stück Niemeyer bekommen. In Rosario wird ein kühnes, blendendweißes Halbrund mit Segel am Rio Paraná festmachen, sobald die Finanzierung steht. Nur wenige Werke Niemeyers blieben Enwurf, darunter leider ein 2007 für Potsdam geplantes Schwimmbad.

Heiter gestimmt verlasse ich das Botschaftsgebäude an der so französisch anmutenden Plazoleta im Viertel Retiro. Die Schwünge von Niemeyers Bauten tragen mich hinweg, und der Plan, Brasilia zu besuchen, bekommt neue Nahrung.

Abbildungen aus dem Ausstellungsprospekt

25. Juli 2010

Personenkult

Argentinien hat sein gerütteltes Maß an lateinamerikanischen politischen Erbkrankheiten wie dem Caudillismo, der Herrschaft eines starken Regional"fürsten" und dem damit zusmmenhängenden Personenkult. Und man liebt den Blick in die glorreiche Vergangenheit. Das Bicentenario bietet Anlass sich noch intensiver über die eigene Vergangenheit zu beugen, als sonst. So sah ein Karikaturist schon die Ortsheiligen General San Martín, General Belgrano und General Perón als Zombies aus dem Grab steigen. Zum 115. Geburtstag von Domingo Perón klebten überall Plakate, die dem Verblichenen dankten: Gracias mi General. Keine Grenzen kennt die Verehrung für die Frau an seiner Seite. An Eva Perón kommt niemand vorbei. Evita lebt in uns kann man dieser Tage auf einem weiteren Plakat stadtweit lesen. Zu Evitas 58. Todestag legen die regierenden Peronisten noch eins drauf. Die Stadt ist mit Plakaten überschwemmt: Evita ruft uns zusammen . Dein Leben ist unser Beispiel, dein Name unsere Flagge. Evita in unserem Herzen. In der Casa Rosada gibt es einen Festakt und einen Fakelzug durch die Straßen. Präsidentin Cristina Kirchner sieht sich wohl als Reinkarnation von Evita.

Da wollen die Madres der Plaza de Mayo nicht zurückstehen. Unter ihrer Chefin Hebe Bonafini haben sie sich, nicht zuletzt dank reichlich fließender finanzieller Unterstützung seitens der Regierung, zu bedingungslosen Anhängern von Nestor und Cristina Kirchner entwickelt. So nennt sich eine Gruppierung der Madres nach dem Vornamen der Präsidentin Las Cristinas.
Ein unbefangener Zugereister würde annehmen, dass die Zentralbank von Bankexperten geführt wird. Nicht so in Argentinien. Die Präsidentin, von der Regierung in einem umstrittenen Coup eingesetzt, die beiden Vizepräsidenten und alle sieben Direktoren gehören politischen Gruppierungen an, die in der Öffentlichkeit heftig diskutiert werden. Die Nähe zu einer der Gruppen definiert sich dabei nicht nach Parteizugehörigkeit, sondern nach den leitenden Figuren, denen die jeweiligen Bankmenschen verpflichtet sind. So ergibt sich eine bunte Mischung von Kirchneristas, Lavagnistas, Redadristas und weiteren istas. Da geht es doch nicht um Fachleute, oder?

Eine weitere argentinische Identifikationsfigur, Diego Maradona, dient sich derweil dem in Caudillo-Manier regierenden Staatschef von Venezuela an. Mit Huguito, Hugochen Chavez ist Maradona auf Du und Du und will ihm helfen, die nächste Wahl zu gewinnen. Vielleicht hat Dieguito als Königsmacher mehr Glück denn als Fußballtrainer.

Karikatur: La Nación, 9.6.2010
Foto: La Nación, 27.7.2010

15. Juli 2010

Im Teatro Colon - kalte Pracht

Gestern Abend hatte ich das Privileg, ins frisch renovierte Renommierstück der Kulturszene von Buenos Aires eingeladen zu sein. Das Teatro Colon strahlte und glänzte außen und innen. Auch das Schumann-Konzert war ein Genuss, den herrlichen Opernsaal mit seiner bemalten Decke, den Samtvorhängen und den vergoldeten sechs Rängen wiederzusehen ebenso.


Weniger genussvoll gestaltete sich das Drum und Dran. Gnadenlos ließen die Türsteher eine allmählich auf ungefähr hundert Personen anwachsende Menge im eisigen Wind dieses Winterabends draußen stehen, weil erst die Damen und Herren einer Sonderveranstaltung im Goldenen Saal hinauskomplimentiert werden mussten. Auch eine 87jährige Konzertbesucherin fand keinen Einlass in die Vorhalle. Überdies scheint die Heizung noch nicht renoviert zu sein. So liefen in der kalten Pracht der vergoldeten, von riesigen Kristalllüstern erleuchteten Wandelgänge die Besucher in Mänteln herum. Auch die Pause verhieß keinen heißen Kaffee oder ein Gläschen Schampus. Die Buffets gähnten leer und ungastlich. Wieder zeigte sich, daß Kundendienst in Argentinien ein Fremdwort ist und Schlangestehen ein nationaler Sport.

Dafür konnte ich etwas bewundern, was ich in keinem anderen Openhaus je gesehen habe. Befragt, wofür die dunklen Verließe zu beiden Seiten der Bühne am Rande des Parketts dienten, klärte mich meine Freundin auf: Früher durfte man, wenn man Trauer hatte, nicht in die Oper, erzählte sie, so kam man auf die Idee, für die armen Trauernden, die vergeblich nach Kunstgenuss lechzten, diese dunklen Verliese zu schaffen, in denen sie nicht gesehen werden, aber am Opernspektakel teilhaben konnten. Eine echt argentinische Lösung, die auch heute in vielen Bereichen gerne Anwendung findet. Wie sagte mein Bankmensch: Das Papier ist eine Sache, die Wirklichkeit eine andere.

Fotos: La Nacion

11. Juli 2010

Tafeln für die Schülerreise - In der Armenischen Gemeinde

Der Saal fasst ungefähr 400 Menschen und ist gerappelt voll. Zwischen den Tischreihen schweben bezaubernde junge Mädchen und ihre männlichen Pendants im schwarzen Kellneroutfit und servieren Vorspeisenteller mit Mezze und schwertgroße Spieße mit gebratenen Lammstücken.

Es ist Freitagabend im Kellergeschoss der Schule Instituto Marie Manoogian im Stadtteil Belgrano. Hier in der Calle Armenia laden zweimal wöchentlich die Eltern und Schüler der Schule im armenischen Viertel von Buenos Aires zur üppigen Tafel. Die Mütter kochen, die Väter schenken Wein aus und die Schülerinnen und Schüler servieren gekonnt. Zwischendurch gibt es eine Tanzeinlage. Wer will, kann sich die Zukunft aus dem Satz des orientalischen Kaffees lesen lassen.

Mit dem Erlös von Mahmara, einer Paprikacreme mit Nüssen, Basterma, luftgetrocknetem, gewürztem Rindfleisch, Shish Kebab und Feigentorte fördern die Gäste die Schule. Bald sind Winterferien. Dann geht es mit dem erwirtschafteten Geld für die Schüler der Oberklassen auf große Europareise. Wir besuchen auch Armenien, verrät mir Stefanía, die an unserem Tisch bedient. Verständigungsprobleme wird es nicht geben, denn im Instituo Marie Manoogian wird armenisch gelehrt. Eine Plakette in der Eingangshalle erinnert an den Besuch des armenischen Präsidenten in den 90gern zweisprachig, auf Castellano und in schöner armenischer Schnörkelschrift. Baree djanapar, Gute Reise wünschen wir Stefanía nach einem gelungenen Abend.

10. Juli 2010

Viva la Patria!

Dieses Jahr kommen wir Portenos aus dem Festestrubel gar nicht mehr heraus. Kaum sind die gigantischen Fest-Spiele zum 25. Mai 1810 vorbei und die fast ebenso pompöpsen Feiern zum Día de la Bandera in Rosario, da naht schon der Día de la Independencia. Am 9. Juli 1816 hat die erste Nationalversammlung Argentiniens in der Andenstadt San Miguel de Tucumán die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Präsidentin Cristina Kirchner nebst Gatten ist eigens nach Tucumán gereist und hat sich zu diesem Anlass die den Franzosen seinerzeit abgeguckte rote Revolutionsmütze aufgesetzt. Sie liebt ohnehin die bedeutungsträchtige Kostümierung. Zu einer Arbeiterdemonstration in Paris war sie in passender Schirmmütze erschienen, natürlich in kleidsamer Designerversion.

Ohne präsidentiellen Glanz, aber hochgestimmt und fröhlich fand das kleine Fest in Buenos Aires statt. Wiedereinmal sass ich in der Loge, denn alles spielte sich an der Ecke von Avendia de Mayo und Plaza del Congreso ab, der eigentlich Plaza de los dos Congresos heißt, um an das erste Parlament in Tucumán zu erinnern. Hier im barrio wurde gleich doppelt gefeiert, denn die Avendia de Mayo in ihrer heutigen Gestalt wurde 116 Jahre alt. So hatten die Freunde der Avenida de Mayo geladen, war Stadtkultursekretär Hernán Lombardi erschienen, dankte ein Geistlicher der Heiligen Jungfrau und wurde die albiceleste, die Flagge, feierlich aufgezogen. Dann hatten die Folkloretänze aus der Provinz Santiago del Estéro die Bühne und tanzten in ihren malerischen Kostümen eine Chacarena und Salsa nach der anderen bis in die späten Nachmittagsstunden dieses klaren, sonnigen Wintertags. Die Caballeros in ihren Pluderhosen, den hochhackigen Stiefeln , weißen Spitzengamaschen und schwarzen Sombreros, den Poncho über der Schulter und das Messer mit Silberknauf im Gürtel, stahlen den Frauen fast die Schau.

Das Bandoneon klagte und Gitarre und Trommel schlugen den Rhythmus. Der Conferencier versicherte, in Santiago del Estero, der fernen und armen Provinz im Nordwesten, habe man viel Zeit zum Tanzen, heiße die Provinz doch wegen des Brauchs, von Mittag bis fast in den Abend hinein Siesta zu halten, auch Santiago del Descanso, Santiago des Ausruhens. Viva la Patria, viva! Mit viel Tanzfreude und Nationalstolz, aber fernab der aktuellen politischen Streitereien ging dieser portensische Nachmittag zuende.

4. Juli 2010

Relative Armut

Wer am zentralen Bahnhof Retiro ankommt, und sich von dort in die betuchten nördlichen Vororte von Buenos Aires begibt, fährt an einem Stück Dritter Welt vorbei. In der Villa 31 stapeln sich direkt zwischen Bahngleisen und Stadtautobahn ärmliche Häuschen und Bretterverschläge in wildem Chaos über- und nebeneinander. Diese Villa Miseria, wie die Elendsviertel hierzlande heißen, liegt mitten im Zentrum. Viele andere, in die so mancher Porteno nie einen Fuß setzen würde, breiten sich in der südlichen Stadthälfte aus. Die Armut deutlich zu verringern, ist trotz flammender Rhetorik und etlichen Ad-Hoc-Zuwendungen auch der linksperonistischen jetzigen Regierung nicht gelungen.

Doch Armut ist relativ. Schaut man auf die Statistik, so steht Argentinien innerhalb Lateinamerikas nicht so schlecht da. Nach einer Untersuchung von Gallup müssen 25,3% aller Argentinier mit weniger als 2 USD pro Tag auskommen, und einer unter fünf hat keinen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Besser geht es aber auf dem Subkontinent nur den Chilenen. Alle anderen, selbst das prosperierende Brasilien und das gesamtwirtschaftlich potentere Mexiko, weisen noch schlechtere Ergebnisse im Armutindex auf.

Foto: Fernando Rey

Im Fußballfieber III - Kein Mundial-Effekt für die Politik

Auch für die Regierung ist mit dem Ausscheiden Argentiniens ein Traum ausgeträumt. Bislang hat das regierende Ehepaar Kirchner die Öffentlichkeit Glauben gemacht, dass mit dem erfolgreichen Team auch sie selbst und der Peronismus siegen würden. 50.000 Plakate "Fußball für alle" waren geklebt worden, die den Eindruck erwecken sollten, Fußball im Fernsehen sei eine Sozialleistung. Der Zwischenstopp der Präsidentin in Südafrika auf dem Weg zu einem Staatsbesuch in China war schon geplant. Man zerbrach sich nur noch den Kopf, wie man verhinden konnte, dass daheim in Argentinien der ungeliebte Vizepräsient mit Maradona und seinen Mannen aufs Siegerfoto kam. Die Mundial kam wie gerufen, um ein paar Probleme unter den Teppich zu kehren und den ständigen Machtmissbrauch zu verschleiern. Die Choreographie stand, nur der Sieg blieb aus.

Nun kann die politische Fußball-Dividende nicht eingefahren werden. Man muss sich den Schwierigkeiten wieder direkt zuwenden, zum Beispiel dem Kampf mit dem Parlament um die Verteilung der Haushaltsmittel. Im laufenden Haushaltsjahr werden unglaubliche 35 Milliarden Pesos, das sind rund 7,1 Milliarden Euro, von der Regierung nach eigenem Gutdünken und ohne jegliche Kontrolle des Parlaments ausgegeben. Welches Ministerium, welche Provinz, welche Gemeinde was davon bekommt, entscheidet, je nach dem Wohlverhalten und der Regierungsnähe der Amtsträger, allein Präsidentengatte und Ex-Präsident Nestor Kirchner, der im Hintergrund die Fäden zieht. Dabei handelt es sich um überschüssige Einnahmen. Der reguläre Haushalt pflegt vom Parlament ohne Debatte in toto verabschiedet zu werden.

Mit den Sondervollmachten bei der Vergabe von Haushaltsmitteln will das Parlament nun Schluss machen. Die Regierung hat aber schon ihr Veto zu einem eventuellen Gesetz in dieser Richtung angekündigt. So wird wohl, zumindest bis zur nächsten Präsidentenwahl im November 2011, alles beim Alten bleiben.

Manch einer, der es nicht mit den Kirchners hält, geht sogar soweit, die argentinische Niederlage gegen Deutschland zu begrüssen. Ich wollte unser Team nicht gewinnen sehen, sagte mir ein waschechter Porteno, das hätte nur den Kirchners in die Händen gearbeitet, und den unsäglichen Maradona aufgewertet. Unsere Barabravas konnten nur von den Südafrikanern diszipliniert werden, fügte er resigniert hinzu. Die militanten argentinischen Hooligans, manche davon vorbestraft, hatten sich in Südafrika so ruppig benommen, dass einige ausgewiesen wurden. Pikant wird die Geschichte dadurch, dass etliche in ihrer Heimat sich auch als regierungstreue piqueteros, Demonstranten, 'verdient' gemacht haben.

Die Niederlage im Viertelfinale nehmen sich viele Argentinier als nationale Schmach zu Herzen. Außerhalb der Mundial und... außerhalb der Welt? titelte eine Zeitung, als wieder einmal über die zunehmende politische und wirtschaftliche Isolierung Argentiniens geklagt wurde. In der WM zu verlieren, ist eine Niederlage für den Profisport, nicht für die Nation, konterte der angesehene Wissenschaftler Mario Bunge. Seine langjährige berufliche Tätigkeit in Kanada muss abgefärbt haben. Solche nüchterne Betrachtungsweise findet man in Argentinien selbst selten.

Kariktur Nestor Kirchner neben Maradona und Messi als Fußballer: La Nación 4.7.2010
Karikatur Kampf zwischen Congreso und Regierungspalast Casa Rosada: La Nación, 4.7.2010

Gaucho-Küsse

Haben Sie heute schon geküsst? Vielleicht ist ja der Gasmann dagewesen oder Sie haben die Nachbarin auf der Treppe getroffen. Schon sind zwei Küsse fällig. Mit Schmatz und auf die Wange, nur auf eine, bitteschön. So begrüßen sich Portenos, egal ob Männlein oder Weiblein.

Geküsst wird immer, nicht nur unter Freunden. Vor ein paar Tagen musste ich zum Arzt. Nach geraumer Wartezeit im überfüllten, winzigen und schlecht belüfteten Wartezimmer konnte ich endlich zum Doktor hinein. Wr sahen einander das erste Mal, denn glücklicherweise bin ich nicht Stammkundin. So hätte ich den obligaten Schmatzer fast vergessen. Nicht so der Doc! Als vorigen Winter die Grippe A ihr Unwesen trieb, wurden viele Hygienemaßnahmen diskutiert und einige sogar ergriffen. Das Küssen einzuschränken, gehörte nicht dazu.

Argentinier sehen die Küsserei gerne als Beweis ihrer warmen Herzlichkeit untereinander an. Zweifel seien erlaubt. Der Arzt behandelte mich weder freundlicher noch preiswerter als seine deutschen Kollegen und der Maler, den ich kürzlich brauchte, bedeutete mir nach dem Kussaustausch, er könne bei mir leider in den nächsten Wochen nicht tätig werden, denn der Auftrag sei zu klein. Da müsse er erst eine Lücke in seinem vollen Terminkalender finden.

Gerne gäbe die Zugereiste eine Anregung, die auch das Hygieneproblem elegant lösen würde. In Wien ist man schon lange dazu übergegangen den früher obligaten Handkuss aus der Realität in die Rhetorik zu befördern. Küss die Hand, gnä' Frau kann man gelegentlich noch hören. Ausgeführt wird es immer seltener. Sollte das die Argentinier, Meister in der Virtualität, nicht ansprechen?

Karikatur: La Nación 2.7.2010

Im Fußballfieber II - Großzügige Verlierer

Der argentinische Traum ist ausgeträumt. Obwohl ich mit der deutschen Mannschaft gezittert und gefeiert habe, war ich ein wenig traurig unter all den stummen Portenos nach dem Viertel-finalspiel gegen Deutschland. Kein Hupkonzert, keine Vuvuzelas ertönten. Still fuhren die Fans mit ihren Hemden im nationalen albiceleste im colectivo nach Hause. Beim asado, beim Grillfest in der Familie, sprach man sich gegenseitig Trost zu. Allzu überlegen hatte man sich gefühlt, den Sieg schon fast vorweg genommen. Wochenlang waren die Zeitungen voll von Messi, Maradona und Co. Von jedem Werbeplakat blickte fest einer der argentinischen Fußballhelden. Jedes zweite Wohnhaus hatte geflaggt. Ankündigungspräsidentin Cristina Kirchner hatte schon in Aussicht gestellt, sie werde zum Endspiel (!) fahren. Nationaltrainer Maradona hatte mit Hohn und Spott für andere Mannschaften wie Mexico nicht gespart. Kluge Zeitungskommentatoren lasen aus den Anfangserfolgen Argentiniens und anderer südamerikanischer Mannschaften gegnüber europäischen Teams schon den bevorstehenden Untergang Europas ab. Um so tiefer ist nun die Enttäuschung. In wenigen Ländern ist Fußball wohl eine so patriotische Angelegenheit und setzt so viel Träume frei wie in Argentinien. Un país donde se vive y se respira fútbol, sagt man von sich selbst, ein Land, in dem Fußball gelebt und geatmet wird.

Doch wie erstaunt umd gerührt war ich, als mich nach dem Spiel, das so haushoch gegen die Mannschaft meines Landes verloren worden war, der Kellner aus meinem Eckcafé, der Gemüsehändler von gegenüber und selbst Passanten auf der Straße zum deutschen Sieg beglückwünschten. Gut, dieser Muellér, sagte Faustina, Concierge in meinem Haus, anerkennend. Meine Zeitungsfrau hatte heute La Nación zusammen mit einem Extraschmankerl für mich parat. Sie habe mich gestern im Fernsehen gesehen, wo wir deutschen Fans beim gemeinsamen Spielangucken in der deutschen Botschaft gefilmt worden waren. In Argentinien ist eben alles groß, die Großmäuligkeit ebenso wie die Großzügigkeit.

Foto: La Nación 4.7.2010

2. Juli 2010

Tourismus ganz dringlich

Alle Länder möchten wohl eine gesuchte Touristendestination sein, aber Argentinien besonders dringlich. So entschied die Regierung dieser Tage per Notverordnung, dass ein neues Ministerium für Tourismus zu schaffen sei. Sie begründete die Anwendung des umstrittenen Notverordnungsgesetzes DNU damit, dass die Maßnahme keinen Aufschub dulde und man deshalb nicht das von der Verfassung vorgesehene Verfahren einhalten könne.

Anlass und Begründung muten wie eine Verhöhnung des Obersten Gerichtshofs an. Der hatte erst vor einigen Wochen entschieden, dass die Anwendung des Notverordnungsparagraphen einzuschränken sei und sich nur auf Fälle von besonderer Dringlichkeit beziehen dürfe. Wie hat doch kürzlich ein bekannter Politikwissenschaftler die demokratischen Verhältnissen spottende Konzentration von Macht in der Hand des präsidentiellen Paares genannt: Hyperpräsidentialismus. Mit Spannung wird nun erwartet, ob das neue Ministerium umgehend hyperaktiv wird.

1. Juli 2010

Immigrantennation auf spanisch-katholisch

Wenn ich mein Haus günstig verkaufen kann, mache ich eine Pilgerfahrt zur Madonna von Lujan. - Wieso zur argentinischen Nationalheiligen, Du bis doch gar nicht katholisch? frage ich den jüdischen Freund. Das macht nichts. In meinen Adern fliesst Porteno-Blut und da gehört die Madonna dazu.

Nichts könnte die Argentinidad besser umschreiben, als diese Anekdote. Argentinien klopft sich im Jahr des Bicentenario mit Vorliebe selbst auf die Schulter und sieht sich als tolerantes Einwandererland. Präsidentin Cristina Kirchner, die eine Schwäche dafür hat, andere zu schulmeistern, liebt es, den Europäern Lehren über den Umgang mit Einwanderern zu erteilen. Gerne übersieht man hier, dass die Einwanderungsgeschichte inzwischen etwas in die Jahre gekommen ist. Die großen Einwandererwellen liegen zwischen 120 und 60 Jahren zurück. Und die damals noch junge, ungefestigte Nation erwartete von ihren Immigranten eine Anpassung an die spanisch-katholische Leitkultur, an die im heutigen Europa nicht zu denken wäre. Alle Vornamen mussten hispanisiert werden. Wer sein Kind Karl oder Heinrich nennen wollte, landete bei Carlos und Enrique. Deshalb gibt es in Argentinien so viele Menschen mit Nachnamen wie Müller oder Bunge und spanischen Vornamen. Man stelle sich vor, die deutschen Behörden verlangten von türkischstämmigen Bürgern, dass sie ihr Kind Martin statt Feiredun nennen. Es gäbe wohl, zu Recht, einen Aufruhr. Das italienische Kulturinstitut von Buenos Aires beklagt, dass so wenige Portenos Italienisch sprächen, obwohl nahezu die Hälfte aller Argentinier italienische Vorfahren habe. Die mitgebrachte Sprache zu bewahren gelang nur wenigen, denn es wurde zu keiner Zeit gefördert.

Jüngere Einwanderung oder besser Arbeitsmigration gibt es in Argentinien nur aus Nachbarländern wie Bolivien und Peru. Die von dort kommen, sind so katholisch wie die große Mehrheit der Argentinier und sprechen ebenso Spanisch. Dennoch werden sie häufig über die Schulter angesehen. Heute wandern Argentinier eher selbst ab, nach Brasilien, das Argentinien wirtschaftlich immer mehr abhängt oder nach Spanien. Nicht von ungefähr lebt nur einer der Spieler in der argentinischen Fußballnationalmannschaft in seinem Heimatland. Alle anderen verdienen ihr Fußballerbrot im Ausland.

Eine Gruppe von Menschen, die nach Argentinien gar nicht einwandern musste, weil sie schon immer da war, lebt in ihrem eigenen Land vielfach wie im Exil, an den Rand gedrängt, geographisch und sozial marginalisiert- die Indios.

27. Juni 2010

Nothelfer Weihwasser

In Cordoba wollen oder können viele Schüler nicht in Schule gehen, weil es zuhause Zoff gibt oder weil sie schlicht keine Lust haben, obwohl die Stadt sich mit dem Titel La Docta, die Gelehrte, schmückt. Da ist guter Rat teuer. Glücklicherweise verfügt die zweitgrößte Stadt Argentiniens über eine Generaldirektorin des städtischen Schulwesens, die dem allerhöchsten Nothelfer besonders nahe zu sein scheint. So kann sie den betroffenen Schulen Segen spenden, damit in Zukunft alles besser werde. Großzügig verteilt sie eine Wundergabe, die nur den Festen im Glauben zugänglich ist. Ich bringe den Schulen ein wenig Weihwasser und empfehle den Lehrern, zu beten und sich Gott anzuvertrauen, enthüllte Gabriela Almagro ihr Patentrezept im argentinischen Fernsehen. Weil sie öfter mit Schwierigkeiten konfrontiert wird, hat sie zuhause gleich einen ganzen Spender des heiligen Wassers stehen. Und auch in ihrem Büro hält sie das kostbare Nass immer vor.

Endlich geht mir ein Licht auf. Ich kannte Weihwasser bislang nur als Wasserspiegel in marmornen Becken am Kircheneingang. Erst in Argentinien sah ich schlichte Plastikbehälter in den Höfen vieler Kirchen, aus denen sich die Gläubigen Wasser in mitgebrachte Flaschen abgossen. Vielleicht haben viele Menschen ähnliche Pobleme wie Gabriela Almagro zu bewältigen und müssen zum Beispiel ihre Sprösslinge mit Gaben von Weihwasser in die Schulen komplimentieren.

Wie gut, dass in Cordoba der Gatte der Schulamtsdirektorin Bürgermeister ist und ihre Schwester für das Gesundsheitsamt zuständig zeichnet. So kann es in dieser gesegneten Stadt kaum Schwierigkeiten geben. Vielleicht versorgt Gabrielas Schwester ja auch die Ärzte mit Weihwasser.

26. Juni 2010

Schulden gehören ins Museum - Die argentinische Lösung

Jeder Privatmann wäre wohl glücklich, wenn er das auch könnte. Schulden machen und nicht oder nur teilweise zurückzahlen. Staaten können es, und Argentinien ist darin ein Meister. Das ist doch nur Papier, belehrte mich kürzlich ein Bankmensch, die Wirklichkeit ist etwas anderes, als ich dumm genug war, eine gesetzliche Regelung ernst zu nehmen und nicht gleich mitzudenken, wie sie umgangen wird.


So entwickelten sich die Schulden, die Argentinien seit dem Corralito, dem Staatsbankrott 2001, aufgehäuft hat, zu einem Dauerbrenner. Mal will man sie bezahlen, dann wieder nicht oder nur teilweise. Ankündigungsmeisterin Cristina Kirchner hatte dem Club de Paris, der Gruppe europäischer Gläubigerländer, sogar schon die volle Begleichung in bar in Aussicht gestellt, vorbei.
An allem sind die bösen internationalen Organisationen und die Gläubigerländer selbst schuld. Dass hinter diesen Ländern, allen voran Deutschland und die USA, Menschen stecken, die mit ihrem Steueraufkommen dafür gerade gestanden haben, vergisst man gerne.
Am meisten geprellt fühlen sich die Kleinsparer, die einstmals Tangobonds, argentinische Staatsanleihen, gekauft haben, über die Rückzahlungsverhandlungen alt geworden sind und nun in einer vollmundig als Chance für sie angekündigten Umschuldungsaktion neue Bonds zeichnen müssen, um vielleicht 2038 70% ihres Einsatzes erlösen zu können. Nicht nur, dass Argentinien bis dahin eine seiner endemischen hausgemachten Finanzkrisen erleben kann und auch die neuen Papiere dann wertlos werden, viele Gläubiger werden am Stichtag wohl schon tot sein. So stimmten zornige italienische Geschädigte vor einigen Tagen in Rom den Tango des geprellten Gläubigers an. Ich habe vor Jahren 150.000 Euro gezeichnet, meine gesamten Ersparnisse. 2038 werde ich wohl nicht mehr erleben, sagte Gianluca und sang aus voller Kehle von Argentinien, der reichen Diebin.

Gianluca und Eugenia, bei der Argentinien auch in der Kreide steht, wären wohl nicht die richtige Zielgruppe für eine originelle, echt argentinische Idee. Wohin gehören die Schulden? Si claro, ins Museum. In Buenos Aires gibt es für alles ein Museum, bis hin zur Ansammlung historischer Kloschüsseln. Aber den Vogel schießt wohl das Museo de la Deuda Externa in der Wirtschftswissenschaftlichen Fakultät der UBA ab, der staatlichen Universität. Dort können die Besucher für 12 Pesos Eintritt in drei Sälen die Saga der argentinischen Staatsschulden verfolgen und sich von der Geschichte der Durchschnittsfamilie Nogracias, Neindanke, und ihrem schweren Schicksal im Kampf gegen die perfiden internationalen Finanzinstitutionen und die ebenso bösen Gäubigerländer zu Krokodilstränen rühren lassen. Eine Serie von drei Comics nimmt sich der erschröcklichen Geschichte an.

Nun müsste nur noch die Saga der armen Gläubiger geschrieben werden. Eugenia, Gianluca und die durchschnittliche deutsche Steuerzahlerfamilie Zahltzurück böten sicher genug Stoff für eine etwas andere Story.
Foto aus Rom: La Nación, 22.6.2010
Foto aus dem Museum: La Nación, 25.6.2010

25. Juni 2010

Endlich connected II - Claudias Cyber-Schüler

Im vorigen August hatte ich über die Schule im ebeno malerischen wie abgelegenen Andendorf Iruya berichtet und über die Freude von Schülern und Lehrern, durch Internet nun endlich mit der Welt verbunden zu sein.

Inzwischen hat die Fundación Aprendiendo bajo la Cruz del Sur / Stiftung Lernen unter dem Kreuz des Südens, 85 Schulen in ländlichen Gemeinden mit Computern und dem nötigen Knowhow ausgestattet. In manchen dieser Schulen fehlt es an allem, und viele werden von oft benachteiligten Schülern aus der indigenen Bevölkerung besucht. Mit den Computern bekommen sie nun Zugang zu einem Wissenspool, der ihnen sonst verschlossen bliebe.


Möglich wurde dieser Schritt in die digitale Zukunft für die Schüler der Puna, der Hochebene in den nordwestargentinischen Anden, durch die Tatkraft und den Enthusiasmus einer Frau. Claudia Gómez Costa kam die zündende Idee, als die Grundschullehrerin mit einer behinderten Schülerin arbeitete. Claudia beschaffte für Mili, die nicht mit der Hand schreiben konnte, einen Computer und das Kind blühte auf. So entdeckte Claudia die Technologie als Tor zu neuen Chancen. Mit der eigenen Fortbildung fing sie an. Als erste Cyber-Studentin der Universität Quilmes bei Buenos Aires lernte sie, Unterrichten und neue Technologien zu verbinden. Mit Freunden, Kollegen und Nachbarn gründete sie dann 2004 die Stiftung. Inzwischen kann sie Firmen wie Microsoft, Dell und die argentinische Telefongesellschaft zu ihren Förderern zählen. Die Stiftung stellt nicht nur die Computer in die Schulen, sie sorgt auch dafür, dass Lehrer und Schüler damit umgehen können und dass sie connected bleiben. 200 bis 300 USD im Monat kostet das pro Schule.

Von sich selbst und ihrem Kampf gegen eine ernste Krankheit spricht die Mutter von vier Kindern kaum. Sie lässt lieber ihre Kollegen in den gefördeten Schulen zu Wort kommen. Es ist als gehe der Himmel über uns auf, sagten ihr die Lehrer. Und darin sind so viele neue Möglichkeiten. Kommunikation, nicht mehr isoliert zu sein, die Gesundheit der Schüler verbessern und in Notfällen Hilfe herbeirufen zu können, uns selbst fortzubilden, um unsere Schüler besser ausrüsten zu können.

Wer mehr erfahren oder helfen möchte, denn weiterhin fehlt es an Vielem, schreibe an claudia.gomezcosta@gmail.com

Foto: La Nación, 13.6.2010