Posts mit dem Label Buenos Aires werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Buenos Aires werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20. Mai 2011

Peron in Brunei




Was macht der alte caudillo im ölreichen Sultanat an Borneos Küste? Nun, er ist so berühmt, dass er es bis in die Borneo Post gebracht hat. Als ich dort am südchinesischen Meer die Zeitung aufschlug, lächelte mir Evita globalisiert und vielsagend entgegen. Daneben ihr militärisch straffer Gatte. Die Zeitung des Minireichs von Sultan Hassanal Bolkiah hatte einem Korrespondenten aus dem argentinischen Atlantikstädtchen La Plata, aus dem die schönste aller Präsidentinnen stammt, eine ganze Seite eingeräumt. Zu berichten war von der jüngsten Welle im Peron-Boom in Argentinien.


Peron ist, glaubt man dem Verfasser, der politischen Sphäre inzwischen entrückt und zu den Rängen einer Ikone vom Schlage Ché Guevarras oder Carlos Gardels aufgerückt. Ein neues Restaurant hat sich ganz dem Peron-Kult verschrieben, die Peron Peron Bar in La Plata. Nicht nur ist der Gast von markigen Peron-Postern umgeben, er kann auch den Wein Justitialista, nach Perons Partei benannt, ordern und im Peron-Laden stöbern. Dass Evita eine Heilige ist, wussten wir ja schon, nun auch der General. Die Wunder und die Gläubigen sterben in Argentinien nicht aus.



Wem das zu gestrig ist, der kann heuer mitten in Buenos Aires, an der Avenida 9 de Julio in den Turm von Babel klettern. Rechtzeitig zur Ernennung von Buenos Aires als diesjährige Stadt des Buches hat Marta Minujin, die poppige Aktionskünstlerin vom Dienst, aus 30.000 Büchern eine begehbare - fast - Endlosschleife aufgebaut und damit gleich noch an Borges' Weltbibliothek als Labyrinth erinnert. Jedem das Seine in dieser chaotischen, widersprüchlichen, kreativen Megalopolis.


Foto Peron Pero Restaurant und Bar: The Borneo Post, Bandar Seri Bagawan, 20.4.2011


Foto Turm von Babel: The Straits Times Singapore, 14.5.2011




















5. Dezember 2010

I don´t cry for Argentina

Der Tod des umstrittenen Expräsidenten Nestor Kirchner und die Orgie von inszeniertem pomnp funèbre waren die letzten Eindrücke, die ich aus Argentinien mitnehme. Dreieinhalb Jahre ergeben für mich eine eher gemischte Bilanz.

Da ist vieles Gewinnende und manches Irritierende an Argentinien und den Argentiniern. Buenos Aires' pulsierendes Kulturleben gepaart mit der Schönheit landschaftlicher Highlights, wie Iguazu-Wasserfälle, Gletscher und Andenhöhen ergeben ein kontrastreiches Kaleidoskop von Eindrücken. Dagegen sind die Neigung der Argentinier, in der Vergangenheit zu leben, zwischen Klage über die gegenwärtigen Zustände und Selbstüberschätzung zu schwanken, der Mangel an common sense, nicht nur in der Politik, das Ausmaß von bürokratischer Gängelung des Bürgers und von korrupter Ineffizienz weniger einnehmend.

Nein, weinen werde ich nicht über Argentinien, aber drei spannende Jahre waren es dennoch, auch in den Nachbarländern, von der kleinen Schwester Uruguay, einen Katzensprung über den Rio de La Plata hinweg, über den in Argentinien mit gemischten Gefühlen beobachteten Giganten Brasilien bis zum großartigen Peru, zum geschichtsträchtigen Mexiko und zum stillen Paraguay, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Adiós Südamerika.

27. Oktober 2010

Totenstille

Noch nie in den dreieinhalb Jahren, in denen ich hier an der Plaza del Congreso en pleno centro wohne, war es so still. Kaum ein Auto fährt vorbei. Es gibt keine piquete. Selbst Fußgänger sind nur vereinzelt unterwegs, denn alle Geschäfte und Restaurants haben geschlossen. Es ist Zähltag. Nach neun Jahren der erste Zensus. So begibt sich unsere ganze Hausgemeinschaft in das Erdgeschoss, wo Faustina, die Portiersfrau, einen Tisch für die freundliche Studentin aufgestellt und ihr einen Kaffee gebracht hat, damit sie uns alle in Ruhe zählen kann und fragen, welche Schulausbildung wir haben, ob wir einen Kühlschrank besitzen und wer von gestern auf heute bei uns übernachtet hat.

In diesen stillen Tag platzt die Nachricht, dass Expräsident, de facto-Präsident und Peronistenchef Nestor Krichner in seinem Wochenend-Wohnort Calafate in Patagonien am Morgen verstorben sei. Während das offizielle Fernsehen sofort beginnt, an einer Heldenlegende zu stricken, und sich die ersten Anhänger aufmachen, um an der Plaza de Mayo Blumen niederzulegen, gibt es auch andere spontane Reaktionen. So mancher scheint fast erleichtert zu sein, denn zu sehr lastete das Gewicht des machthungrigen, harten Kämpfers in den letzten Jahren auf dem Land. Wie wird es weitergehen, fragt man sich. Wird Cristina Kirchner, von der es heißt, sie habe nur ausgeführt, was ihr Gatte und Expräsident angeordnet oder eingefädelt hatte, es schaffen, allein weiterzuregieren und sich weiterhin mit allen anzulegen , die sich nicht völlig vereinnahmen lassen, von Presse über Justiz bis zu den Landwirten? Alle sieben Jahre schlittert Argentinien in eine Krise, sagt man hier. Die letzte war um die Wende 2001/2002. Alle hoffen, dass sich der Tod dieses dominanten Politikers angesichts eines möglichen Machtvakuums an der Spitze und einer zersplitterten Opposition nicht zu einer neuen Krise auswächst.

Schon um 19.00 Uhr snd die ersten piquete-Truppen zusammengetrommelt, und es marschiert , skandiert und trommelt wieder vor meinem Haus. Der stramm kirchneristische Jugendverband des Movimiento Evita ist unterwegs. Sie tragen ein Transparent Nestor vive en nosotros/Nestor lebt in uns. Da ist sie wieder, die quasi-religiöse Heldenverehrung, auf die sich populistische Politiker seit Perón immer verlassen konnten.

26. September 2010

Mit Müll in den Frühling

Wie jedes Jahr war am 21. September - an dem Tag, an dem in Deutschland der Herbst eingeläutet wird - in Buenos Aires Frühlingsanfang. Hatte ich mich in den vergangenen Jahren an der hübschen Sitte erfreut, dass viele Menschen eine Blume am Revers tragen und einander mit Blumensträußen beschenkten, so wurde ich in diesem Jahr mit einer weniger einnehmenden Sitte der hiesigen Frühlingsbräuche bekannt. An diesem Tag ist nämlich schulfrei, und die Jugendlichen ziehen in die Parks, um zu feiern. Das tun sie zunehmend unter Zuhilfenahme von Strömen von Alkohol und unter Hinterlassung von Bergen von Müll. Allein im Rosedal, dem schönen Park im Stadtteil Palermo mit seinen Teichen und Blumenrabatten habe die Müllmänner in den nächsten Tgen mehrere Tonnen von Müll eingesammelt. 20 Tonnen Müll waren der "Ertrag" dieser Frühlingsgefühle im Stadtgebiet, mehr als der gesamte normale Müll dieser 8-Millionen-Einwohner-Metropole in vier Tagen. Auch Messerstechereien waren am Frühlingsanfang an der Tagesordnung

Da denkt man fast, ein normaler Schultag hätte besser getan, zumal kaum ein Schuljahr ohne Streikphase beginnt und gerade in diesem Jahr viele Schulen von Schülern besetzt wurden. Argentinien ist stolz auf seine gut ausgebildeten Menschen, aber wie lange noch?

Fotos: La Nación, 22.9.2010

11. August 2010

Brot und Arbeit

Als ich am letzten Sonnabend im Colectivo Richtung Süden von Buenos Aires fuhr, war es für einen Tag am Wochenende und noch dazu in den Winterferien, in denen alle Welt verreist ist, ungewöhnlich voll. An langen Stangen trugen viele der Mitfahrenden Ährenbündel. Aber es war doch nicht Erntedankfest?

Wir fahren nach Liniers, klärte mich meine Banknachbarin auf, heute ist der Tag von San Caetano. Ich komme aus Quilmes, verriet sie mir. Dort arbeitet die ungefähr Fünfzigjährige mit dem Indiogesicht als Hausangestellte. Ursprünglich ist sie aus der nordwestlichen Provinz Santiago del Estero, einer der ärmsten von Argentinien. Tausende strömten zusammen, um den Bittgottesdienst von Kardinal Bergoglio am Heiligtum von San Caetano in dem armen südlichen Vorort Liniers zu hören und zu dem Heiligen zu beten, der für Brot und Arbeit sorgen soll. San Caetano erfreut sich der größten Beliebtheit unter den auf besondere Wohltaten spezialisierten Heiligen, die in Argentinien verehrt werden, wie etwa San Expedito, der dafür zuständig ist, dass die Angelegenheiten des Gläubigen schnell und gerecht erledigt werden oder San Fanurio, der hilft, Verlorenes wiederzufinden.

Der argentinische Consejo del Salario Minimo wollte anscheinend an einem solchen Tag nicht abseits stehen, hatte er doch am Donnerstag davor beschlossen, den Mindestlohn von 1.500 Pesos auf 1.740 Pesos (ca. 335 €) anzuheben. Leider werden Wenige in den Genuss dieser weltlichen Wohltat kommen, denn gerade im unteren Sektor der Einkommenspyramide arbeiten die Meisten schwarz, und da gibt es keinen Mindestlohn.

5. August 2010

Die Brasilianer sind da!

Zu seinem großen Bruder im Osten hat Argentinien ein gespaltenes Verhältnis. Man hält sich für etwas Besseres, europäischer und eleganter als die in den Augen der Portenos ein wenig ungehobelt-munteren Brasilianer. An den herrlichen Stränden Brasiliens macht man gerne Sommerferien, stöhnt aber über den für Pesobesitzer immer teurer werdenden brasilianischen Real. Zugleich betrachtet man den wirtschaftlichen Aufstieg des Riesen Brasilien nicht ohne die bange Frage, was denn im eigenen Land schief gelaufen sei, so dass Argentinien immer weniger mithalten könne. Jetzt im argentinischen Winter begrüßt man gerne die Millionen brasilianischer Touristen, die Argentinien überschwemmen, auf der Suche nach Schnee zum Skilaufen und nach dem kulturellen Flair, das Buenos Aires ausstrahlt. Sie lassen nicht nur mehr Geld im Land, als nordamerikanische und europäische Touristen, sie sind auch weniger wählerisch, freuen sich die hiesigen Zeitungen. Schon zweimal wurde ich in diesen Tagen im weichen, ein wenig nuschligen Spanisch der Brasilianer nach dem Weg gefragt und gab stolz als 'Einheimische' Auskunft.

Immer mehr Argentinier suchen eine Beschäftigung im prosperierenden Nachbarland. Portugiesisch-Kurse sind gefragt, und Brasilien hat, neben Frankreich, das wohl schönste Stadtpalais als Botschaft. Dort zeigt es gerade einen besonderen Botschafter kühner Moderne und Großzügigkeit auf brasilianisch. In einer üppigen Schau wird das Lebenswerk von Oscar Niemeyer ausgebreitet, dem brasilianischen Stararchitekten, dessen Urahne Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Hannöverschen nach Portugal ausgewandert war. In einem Film kann man den Vater der brasilianischen Architektur des 20. Jahrhunderts erleben, der mit seinen 103 Jahren noch täglich arbeitet und voller neuer Projekte steckt, so für ein Stadion zur Fußball-WM 2014 in Brasilien. Auf Großfotos und in Modellen ist die Fülle seiner Bauten ausgebreitet, vor allem die Prachtmeile Brasilias, die in den fünfziger Jahren in weniger als einem Jahrzehnt aus dem Boden gestampft wurde und die bezaubernde fliegende Untertasse, als Museum für Moderne Kunst in Niteroi in der Bucht von Rio de Janeiro gelandet. Aus seinen europäischen Exiljahren stechen eine Moschee in Algerien und ein Kulturzentrum in Le Havre hervor.

Auch Argentinien soll sein Stück Niemeyer bekommen. In Rosario wird ein kühnes, blendendweißes Halbrund mit Segel am Rio Paraná festmachen, sobald die Finanzierung steht. Nur wenige Werke Niemeyers blieben Enwurf, darunter leider ein 2007 für Potsdam geplantes Schwimmbad.

Heiter gestimmt verlasse ich das Botschaftsgebäude an der so französisch anmutenden Plazoleta im Viertel Retiro. Die Schwünge von Niemeyers Bauten tragen mich hinweg, und der Plan, Brasilia zu besuchen, bekommt neue Nahrung.

Abbildungen aus dem Ausstellungsprospekt

24. Juli 2010

Calderon: Das Leben ein Traum von Blut, Schweiß und Sperma

In der weitgehend hausgemachten Theaterszene von Buenos Aires gibt es heuer eine Besonderheit. Calderons "Das Leben ein Traum" aus Spaniens Goldenem Zeitalter kam in einer spanischen Inszenierung, mit hiesigen Darstellern, ins Teatro San Martín. Für die Regie zeichnet Calixto Bieito aus Barcelona verantworlich. In Europa bestens bekannt mit Inszenierungen in allen großen Städten von Wagneroper über Brecht zu Shakespeare, brachte Bieito für die eher zahmen Sehgewohnheiten der Portenos einen echten Schocker mit.


Auf der Bühne wurde gefurzt, masturbiert und den Frauen an die Wäsche gegangen, was das Zeug hält. Damit entfernt sich der Regisseur gar nicht so weit vom Barock der Entstehungszeit des Werks. Wie oft ist etwa im Simplizissimus von genüsslichen Furzkannonaden die Rede. Für das Versdrama über Sein und Schein, Zügellosigkeit und Ordnung ist der durchweg klamaukhafte Stil allerdings gewöhnungsbedürftig. Auch die zentrale Sandarena konnte weit weniger überzeugen als einst in Peter Brooks legendärer Pariser (und Hamburger) Carmen-Inszenierung. Das kostensparend karge Bühnenbild wartete außerdem mit einem großen Holzstuhl als Thron, einem Schaukelpferd und einem riesigen Spiegel auf, der schon mal schief hing, wenn die Welt von Calderon noch nicht in Ordnung gebracht worden war. Eine etwas platte Symbolik. Natürlich traten die Mächtigen in zeitgenössischen Militärklamotten auf. Hatten wir das nicht schon oft, zu oft? Grelle Tivoli-Lichterketten über der Bühne und im Zuschauerraum lenkten vom Bühnengeschehen ab und brachten die barocke Botschaft, nach der das Leben ein Theater ist, recht schlicht rüber.

Die gute Textbeherrschung der Schauspieler und ihr geschicktes Lavieren zwischen hohem Verston und beiläufigem Sprechen reichten als Gegengewicht nicht. Furcht und Mitleid blieben aus. Zuviel wurde geschrieen , gerannt und geturnt. Schade.


Szenenphoto aus dem Programmheft




15. Juli 2010

Im Teatro Colon - kalte Pracht

Gestern Abend hatte ich das Privileg, ins frisch renovierte Renommierstück der Kulturszene von Buenos Aires eingeladen zu sein. Das Teatro Colon strahlte und glänzte außen und innen. Auch das Schumann-Konzert war ein Genuss, den herrlichen Opernsaal mit seiner bemalten Decke, den Samtvorhängen und den vergoldeten sechs Rängen wiederzusehen ebenso.


Weniger genussvoll gestaltete sich das Drum und Dran. Gnadenlos ließen die Türsteher eine allmählich auf ungefähr hundert Personen anwachsende Menge im eisigen Wind dieses Winterabends draußen stehen, weil erst die Damen und Herren einer Sonderveranstaltung im Goldenen Saal hinauskomplimentiert werden mussten. Auch eine 87jährige Konzertbesucherin fand keinen Einlass in die Vorhalle. Überdies scheint die Heizung noch nicht renoviert zu sein. So liefen in der kalten Pracht der vergoldeten, von riesigen Kristalllüstern erleuchteten Wandelgänge die Besucher in Mänteln herum. Auch die Pause verhieß keinen heißen Kaffee oder ein Gläschen Schampus. Die Buffets gähnten leer und ungastlich. Wieder zeigte sich, daß Kundendienst in Argentinien ein Fremdwort ist und Schlangestehen ein nationaler Sport.

Dafür konnte ich etwas bewundern, was ich in keinem anderen Openhaus je gesehen habe. Befragt, wofür die dunklen Verließe zu beiden Seiten der Bühne am Rande des Parketts dienten, klärte mich meine Freundin auf: Früher durfte man, wenn man Trauer hatte, nicht in die Oper, erzählte sie, so kam man auf die Idee, für die armen Trauernden, die vergeblich nach Kunstgenuss lechzten, diese dunklen Verliese zu schaffen, in denen sie nicht gesehen werden, aber am Opernspektakel teilhaben konnten. Eine echt argentinische Lösung, die auch heute in vielen Bereichen gerne Anwendung findet. Wie sagte mein Bankmensch: Das Papier ist eine Sache, die Wirklichkeit eine andere.

Fotos: La Nacion

11. Juli 2010

Tafeln für die Schülerreise - In der Armenischen Gemeinde

Der Saal fasst ungefähr 400 Menschen und ist gerappelt voll. Zwischen den Tischreihen schweben bezaubernde junge Mädchen und ihre männlichen Pendants im schwarzen Kellneroutfit und servieren Vorspeisenteller mit Mezze und schwertgroße Spieße mit gebratenen Lammstücken.

Es ist Freitagabend im Kellergeschoss der Schule Instituto Marie Manoogian im Stadtteil Belgrano. Hier in der Calle Armenia laden zweimal wöchentlich die Eltern und Schüler der Schule im armenischen Viertel von Buenos Aires zur üppigen Tafel. Die Mütter kochen, die Väter schenken Wein aus und die Schülerinnen und Schüler servieren gekonnt. Zwischendurch gibt es eine Tanzeinlage. Wer will, kann sich die Zukunft aus dem Satz des orientalischen Kaffees lesen lassen.

Mit dem Erlös von Mahmara, einer Paprikacreme mit Nüssen, Basterma, luftgetrocknetem, gewürztem Rindfleisch, Shish Kebab und Feigentorte fördern die Gäste die Schule. Bald sind Winterferien. Dann geht es mit dem erwirtschafteten Geld für die Schüler der Oberklassen auf große Europareise. Wir besuchen auch Armenien, verrät mir Stefanía, die an unserem Tisch bedient. Verständigungsprobleme wird es nicht geben, denn im Instituo Marie Manoogian wird armenisch gelehrt. Eine Plakette in der Eingangshalle erinnert an den Besuch des armenischen Präsidenten in den 90gern zweisprachig, auf Castellano und in schöner armenischer Schnörkelschrift. Baree djanapar, Gute Reise wünschen wir Stefanía nach einem gelungenen Abend.

10. Juli 2010

Viva la Patria!

Dieses Jahr kommen wir Portenos aus dem Festestrubel gar nicht mehr heraus. Kaum sind die gigantischen Fest-Spiele zum 25. Mai 1810 vorbei und die fast ebenso pompöpsen Feiern zum Día de la Bandera in Rosario, da naht schon der Día de la Independencia. Am 9. Juli 1816 hat die erste Nationalversammlung Argentiniens in der Andenstadt San Miguel de Tucumán die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Präsidentin Cristina Kirchner nebst Gatten ist eigens nach Tucumán gereist und hat sich zu diesem Anlass die den Franzosen seinerzeit abgeguckte rote Revolutionsmütze aufgesetzt. Sie liebt ohnehin die bedeutungsträchtige Kostümierung. Zu einer Arbeiterdemonstration in Paris war sie in passender Schirmmütze erschienen, natürlich in kleidsamer Designerversion.

Ohne präsidentiellen Glanz, aber hochgestimmt und fröhlich fand das kleine Fest in Buenos Aires statt. Wiedereinmal sass ich in der Loge, denn alles spielte sich an der Ecke von Avendia de Mayo und Plaza del Congreso ab, der eigentlich Plaza de los dos Congresos heißt, um an das erste Parlament in Tucumán zu erinnern. Hier im barrio wurde gleich doppelt gefeiert, denn die Avendia de Mayo in ihrer heutigen Gestalt wurde 116 Jahre alt. So hatten die Freunde der Avenida de Mayo geladen, war Stadtkultursekretär Hernán Lombardi erschienen, dankte ein Geistlicher der Heiligen Jungfrau und wurde die albiceleste, die Flagge, feierlich aufgezogen. Dann hatten die Folkloretänze aus der Provinz Santiago del Estéro die Bühne und tanzten in ihren malerischen Kostümen eine Chacarena und Salsa nach der anderen bis in die späten Nachmittagsstunden dieses klaren, sonnigen Wintertags. Die Caballeros in ihren Pluderhosen, den hochhackigen Stiefeln , weißen Spitzengamaschen und schwarzen Sombreros, den Poncho über der Schulter und das Messer mit Silberknauf im Gürtel, stahlen den Frauen fast die Schau.

Das Bandoneon klagte und Gitarre und Trommel schlugen den Rhythmus. Der Conferencier versicherte, in Santiago del Estero, der fernen und armen Provinz im Nordwesten, habe man viel Zeit zum Tanzen, heiße die Provinz doch wegen des Brauchs, von Mittag bis fast in den Abend hinein Siesta zu halten, auch Santiago del Descanso, Santiago des Ausruhens. Viva la Patria, viva! Mit viel Tanzfreude und Nationalstolz, aber fernab der aktuellen politischen Streitereien ging dieser portensische Nachmittag zuende.

4. Juli 2010

Relative Armut

Wer am zentralen Bahnhof Retiro ankommt, und sich von dort in die betuchten nördlichen Vororte von Buenos Aires begibt, fährt an einem Stück Dritter Welt vorbei. In der Villa 31 stapeln sich direkt zwischen Bahngleisen und Stadtautobahn ärmliche Häuschen und Bretterverschläge in wildem Chaos über- und nebeneinander. Diese Villa Miseria, wie die Elendsviertel hierzlande heißen, liegt mitten im Zentrum. Viele andere, in die so mancher Porteno nie einen Fuß setzen würde, breiten sich in der südlichen Stadthälfte aus. Die Armut deutlich zu verringern, ist trotz flammender Rhetorik und etlichen Ad-Hoc-Zuwendungen auch der linksperonistischen jetzigen Regierung nicht gelungen.

Doch Armut ist relativ. Schaut man auf die Statistik, so steht Argentinien innerhalb Lateinamerikas nicht so schlecht da. Nach einer Untersuchung von Gallup müssen 25,3% aller Argentinier mit weniger als 2 USD pro Tag auskommen, und einer unter fünf hat keinen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Besser geht es aber auf dem Subkontinent nur den Chilenen. Alle anderen, selbst das prosperierende Brasilien und das gesamtwirtschaftlich potentere Mexiko, weisen noch schlechtere Ergebnisse im Armutindex auf.

Foto: Fernando Rey

20. Juni 2010

Candombe - Afro meets Latin


Von Ferne ist ein leichter Trommelwirbel zu hören. Die Trommeln kommen näher, bis wir eingehüllt sind in pulsierende Candomberhythmen. Wir, das ist nicht etwa eine Truppe von Abenteurern mitten in Afrika, sondern eine Gruppe kreuznormaler Vernissage-Besucher im hippen Boutique- und Galerieviertel von Buenos Aires, in Palermo Soho. Dort hat es sich die neue Galerie Mar Dulce der Schottin Linda Neilson und des Porteno Ral Veroni zum Programm gemacht, Kunst aus Argentinien und Uruguay rund um den Rio de la Plata zu zeigen. So kam Diego Bianki mit seinen fröhlichen, starkfarbigen Bildern rund um den Candombe und den Karneval von Montevideo nach Buenos Aires und brachte die Trommler mit.


Mit Trommeln und Tanzen hielten die schwarzen Sklaven auf den Zuckerrohrfeldern von Brasilien und den Estancias von Uruguay die Erinnerung an ihre ferne afrikanische Heimat wach. So entstand der Candombe. Bis heute ist er am anderen Ufer des Mar Dulce lebendig geblieben. Vor allem der Karneval ist in Montevideo und der Grenzstadt Colonia de Sacramento Candombezeit.


Was wir in Palermo zu hören bekommen, ist Candombe Lubolo, Candombe, der von Weißen gespielt wird. Im Karneval malen sie sich schwarz an, denn zur Kolonialzeit mussten die comparsas, die Bandmitglieder, schwarz sein. Für einmal geht es in die umgekehrte Richtung. Nicht Weißsein ist begehrt, sondern schwarzes Mimikri. Ta-ra-ca-tá, ta-ra-ca-tá, ta-ra-ca-tá. Mit wirbelndem Stock und mit der Hand schlagen die Spieler auf ihren Trommeln, die wie Obelisks Bauch aussehen, den Rhythmus, auf der chico, der repique und der piano. Mir juckt es in den Beinen. Ach,wäre doch gerade Karneval und ich könnte tanzen wie alle anderen um mich herum!



Abbildungen aus: Diego Bianki, Candombe. Pequeno Editor, Buenos Aires 2009
Ausstellung: Candombe Lubolo. Galeria Mar Dulce, Buenos Aires, Uriate 1490, 19.6.-31.7.2010
























19. Juni 2010

Starke Bilder - Schicke Youngsters

Gleich zwei Galerien in meinem Wohnviertel luden diese Woche zur Vernissage. Beim angesagten Kunsthändler und Hausnachbarn Ignacio Liprandi gaben die Besucher mehr her als die ausgestellten Bilder. Diese Galerie zieht die Jugend an, besonders die smart herausgeputzte, oh so cool. Man trifft sich, man kennt sich, da sind die Bilder eigentlich Nebensache. Die Zeichnungen und Radierungen von Tomás Espina enttäuschten. Unentschieden zwischen figurativ und semiabstrakt lavierend, ließen sie die Bedeutung nicht ahnen, die ihnen die eigens bemühte Kuratorin auf ihrer Textbeigabe, die man sich von einem Block an der Wand abreißen konnte, mit gelehrten Worten beimaß.

Wie anders dagegen die Ausstellung in der Galerie Jacques Martínez in der Avenida de Mayo 1130! Der Galerist, unterstützt von seiner Tocher Clara, stellte einen der Künstlerfreunde aus, mit denen er in einer früheren Galerie in den Siebzigern und Achtzigern umgegangen war, und der inzwischen zum Grundbestand zeitgenössischer argentinischer Kunst gehört: Ernesto Deira. Von Deira waren Werke seines wichtigsten Schaffensjahrzehnts von 1967 bis 1977 zu sehen, die selten an die Öffentlichkeit gelangen. Die meisten sind heute in Privatsammlungen zu finden. Eine gebeugte Magdalena, deren Körper sich aus runden abstrakten Formen herausschält, das gelb leuchtende Rund eines Predigergesichts, diese packenden Menschendarstellungen sind fern jeder unverbindlichen Ästhetik. Ob die christlichen Motive einem Ausweichen auf scheinbarunverfängliche Thematik in der Militärdiktatur geschuldet sind, wie im Katalog nahegelegt wird, sei dahingestellt. Nahezu jedes dieser Bilder überzeugt in der künstlerischen Bewältigung der gestellten Aufgabe und weist über die Zeit seines Entstehens hinaus.

Bei Martínez traf sich das kunstbeflissene und wohl eher betuchte Bürgertum und ließ sich von Clara die detektivische Suche nach Deiras Werken erzählen bis hin zum Hauptstück der Ausstellung, einer Kreuzigung nach Matthias Grünewald. Den Grünewald des Isenheimer Altars benannte Deira als seinen bevorzugten europäischen Künstler, so erfuhren wir.

Grünewald konzentriert in seinem Bild Werte aus einer Welt, die sich heute aufgelöst hat. Sie aufzugreifen, impliziert Melancholie, Frömmigkeit und Ironie. Deshalb fehlt meinen Figuren das Volumen, die Dichte des Schmerzes, den Grünewald im Original zum Ausdruck brachte. Nicht weil ich das weglassen wollte, sondern weil die Mitte verloren gegangen ist, die Mitte, aus der sich der Mensch bis zu seiner völligen Zersplitterung entfernt hat. Mit dieser melancholischen Botschaft wird Deira im Katalog zitiert. Er ging schließlich während der Militärdiktatur ins Pariser Exil und starb dort 1986.

Abbildung aus adn Cultura, Beilage zu La Nación, 19.6.2010

9. Juni 2010

Bicentenario - Nachlese I

Gerade noch rechtzeitig ist sie fertig geworden: die Casa de Bicentenario. Die Frauen haben die Nase vorn. Auf drei Etagen verteilt, gibt es eine Gesamtschau der Mujeres de la Argentina 1810-2010. Ein gut inszeniertes Ensemble von Fotos, Objekten, Filmen ud Liveinterviews soll ein Bild der argentinischen Frau in den letzten 200 Jahren vermitteln. Ein wenig beliebig, aber umfangreich. So findet jeder etwas. Die Stimmen der bekanntesten Dichterinnen lassen sich per Tonband anhören. Unvermittelt steht die Mühsal von Indiofrau in den Dörfen des Nordens und Nordwesten neben einer Reihe rüschiger Hochzeitskleider. Auf drei Bildschirmen erzählen männliche Passanten von ihrer argentinischen Traumfrau. Evita, die Herzköngin, ist fast immer dabei. Wer von der Peronstin weniger angetan ist, vemeidet das vertrauliche Evita und spricht von Eva Perón. Aber die Wichtigste war sie, davon sind alle überzeugt. Weit abgeschlagen die Frauenrechtlerin Alicia Moreau de Justo, die Amazone Juana Azurduy und die heutige Erste Dame, Cristina Kirchner. Vielen Männern sind die eigene Mutter oder Ehefrau näher als die abgehobenen Gestalten der Geschichte. Immerhin ist in diesem Land des machismo schon 1999 ein Gesetz verabschiedet worden, das 30% weibliche Parlamentskandidaten vorschreibt, und tatsächlich sieht man viele Frauen im Congreso auf den Abgeordnetenbänken.

Die Zeit des breitformatigen Ölschinkens in einem der Ausstellungsräume scheint fern zu sein. Um die Campana del Desierto zu rechtfertigen, den brutalen Vernichtungsfelzug gegen die indianische Urbevölkerung im 19. Jarhhundert, hatte der Maler nicht mit dick aufgetragener Symbolik gespart. Da reitet eine Horde nackter Wilder quer durchs Gemälde. Der vorderste hat eine halbnackte weiße Frau vor sich auf dem Sattel. Hilflos-lustvoll leuchtet ihr weißer Leib und flattert ihr langes Haar. Der nächste hat ein Kreuz erobert, und ein anderer hat eine (Schatz)kiste vor sich. Die cautiva blanca, die weiße Gefangene, entzündete und beflügelte Männerphantasien. Sie rauben uns unsere Frauen, unseren Glauben und unser Geld, also nieder mit ihnen, war die Botschaft.

Im Parterre läuft ein Zusammenschnitt von alten Filmen und Wochenschauen zur argentinischen Geschichte. Da gibt es weit weniger Frauen zu sehen. Viele hochtönende Reden werden geschwungen, Straßenschlachten geschlagen und rote Teppiche ausgerollt. Vowiegend älteres Publikum hat sich zur Betrachtung dieses patriotischen Kaleidoskops eingefunden. Die Jüngeren tummeln sich derweil in einer knallbunten, flimmernden Kunstschau im Centro Cultural Recoleta, wo sich in der Ausstellung Fase 2 die junge Kunstszene mit ihren Zukunfstvisionen austobt.

Abbildung aus dem Programmheft von Fase 2

26. Mai 2010

Bicentenario - Vierter und letzter Tag oder "Lasst Millionen um mich sein!"

Zwei Millionen Menschen, fast soviele wie in ganz Hamburg wohnen, tummelten sich gestern im Zentrum von Buenos Aires rund um den Obelisken und feiertern sich selbst und den 200. Geburtstag ihres Landes. Das Jubelfest erreichte am Abend mit einem historischen Bilderbogen in 19 Szenen von den Befreiungskämpfen über die Zeit der Einwanderung und den folgenden Wirtschaftsaufschwung bis zur jüngsten Militärdiktatur und deren Überwindung seinen Höhepunkt. Auf der Ehrentribüne konnte die Präsidentin mit der geballten Prominenz von neun südamerikanischen Staatschefs aufwarten. Viva Argentina, tönte es aus tausenden von Kehlen, aus nicht ganz so vielen auch Viva Perón und Viva Cristina.

Vor dem Cabildo, dem Rathaus, das in seinem Kern noch aus der spanischen Kolonialzeit stammt, hatten Hunderte die Nacht zuvor Wache gehalten, um in den 25. Mai hineinfeiern zu können. Eine etwas andere Nachtwache fand auf der Plaza del Congreso unter meinen Fenstern statt und hielt auch mich bis in die Morgenstunden wach. Alle Gruppen links von der Regierung und die Vertreter der Indios begingen ein alternatives Gedenkfest. Indianische Gesänge auf Ketchua und Guaraní, viele, viele flammende Ansprachen und immer wieder Trommelwirbel lösten sich ab. Vor der Tribüne tanzten Murgas, Karnevalsfiguren, zum stampfenden Rhythmus der Trommeln. An Buchständen konnte man die Werke von Carlos Marx oder einen Band mit Stalin-Interviews erwerben. Nebenan brodelte ein puchero, ein Eintopf, überm Feuer. Die zweite Unabhängigkeit forderte man ein. Nach der ersten von Spanien vor 200 Jahren nun die Unabhängigkeit der Indios auf ihrem Land und die Unabhängigkeit von der Globaliserung. Nur ein kleines Häuflein von Zuschauer hatte sich eingefunden. Man war unter sich. Die Regierung schien ihren Schmuddelkindern diese Spielwiese eingeräumt zu haben, damit sie nicht bei der Feier der Großen störten.
Aus einem Pulk begeisterter Peronisten konnte ich mich am Festabend schließlich hinauswinden und feierte mit einigen anderen Portenos in der Halle des schönsten Bürogebäudes von Buenos Aires, im Barolo, den veinticinco de Mayo mit einem hinreißend verrockten Tangokonzert. Baile, baile companero, la vida es una milonga.
Fotos: La Nación, 26.5.2010


25. Mai 2010

Bicentenario - Dritter Tag oder "Zum Colon, zum Colon!"

So sagen Argentinier, wenn jemand sich besonders auszeichnet. Ihr geliebter Kunsttempel, das mehr als 100 Jahre alte Teatro Colón, ein Opernhaus der Superlative, ist nach vier Jahren Umbauzeit, vielen Querelen und heftiger Kostenüberschreitung gestern abend mit La Bohème feierlich wiederöffnet worden. Alles strahlt golden und rot samten wie zu den besten Zeiten des Theaters. Die berühmte Akustik, die schon Enrico Caruso und die Callas entzückte, konnte erhalten werden. Mauricio Macri, der Bürgermeister der Stadt, feierte das Ereignis mit 2.700 geladenen Gästen. Nur Präsidentin Cristina Kirchner war abwesend, denn sie ist dem Stadtchef nicht grün. Das störte aber nicht weiter, glänzten doch die Damen um die Wette in Pailletten glitzernden Roben und Chinchilla Capes und die Herren im dunklen Anzug mit patriotisch himmelblauer Krawatte.

Sogar ein Staatschef war gekommen. José Mujica aus Uruguay, obwohl von der Linken, wie die argentinische Präsidentin und anders als der konservative Bürgemeister, scherte sich nicht um Politik und gab zum Besten: Mein Vater war Arbeiter mit 80 Pesos Lohn im Monat, aber er sparte 6 Pesos, um in Montevideo in die Oper zu gehen. Die Oper ist für alle dar, nicht nur für politische Freunde der Regierung, war Mujicas Botschaft. So recht demokratisch ging es allerdings bei der Wiedereröffnung nicht zu. Kaufen konnte niemand eine Karte, nicht für 6 Pesos und nicht für 600. Das Volk konnte sich nur von der Straße aus ein Spektakel ansehen, dass die High Lights aus der Geschichte des Colón in einer Ton- und Lichtschau bot.

Fotos: La Nación, 24.5.10 und Beilage N, 22.5.10

24. Mai 2010

Bicentenario - Zweiter Tag

Um 18.00 Uhr war gestern alles vorbei. Die Tangoschau am Obelisk musste ausfallen, denn es regnete in Strömen. Wie 1810, sagten wissend die Älteren, als könnten sie sich noch an den Geburtstag ihrer Republik erinnern. Aber alles ist im Bild festgehalten. Und da schweben über den Biedermeierroben der am 25. Mai vor 200 Jahren auf der Plaza de Mayo versammelten Bürger von Buenos Aires schwarze Regenschirme. Ob es die damals schon gab, oder ob der Maler sie später dazu erfunden hat, ist umstritten.

Trotz des Gewitterausbruchs im Jahr 2010 gab es aber noch viel zu sehen. Die Tanzgruppe von den Anden zum Beispiel. Die Frauen in blumigen langen Kleidern, die Männer zum Verlieben. Unterm riesigen schwarzen Sombrero lugte bei einem der alternative Zopf hervor. Die Pluderhosen, die Schärpen, die Stiefel mit Absatz, der weinrote Poncho lässig über der Schulter. Die Mannsbilder stahlen ihren Frauen die Schau. Ich bin aus La Rioja sang Cristina Velasco mit tiefer, kräftiger Stimme und begleitete sich selbst mit einem Trommelwirbel. Die ferne, trockene und heiße Provinz am Andenrand, aus der die besten Oliven kommen, zeigte alles, was sie zu bieten hat. Nur einer war nicht dabei, der noch vor 30 Jahren im Mittelpunkt gestanden hätte. Carlos Menem, der Präsident, der das Land nach Caudillo-Manier regierte, es aber auch nach außen öffnete, kommt aus La Rioja. Heute ist er abgemeldet. Nur wer kirchnertreu ist, darf beim Staatsbankett am 25. dabei sein. Die ehemaligen Präsidenten de la Rua, Menem und Duhalde gehören nicht dazu, ebenso wenig wie Vizepräsident Cobos, mit dem die Chefin über Kreuz ist. Viel politisches Gezänk ist im Spiel. Das trübt aber nicht die Begeisterung der herbeiströmenden Massen. Die Fähnchenverkäufer haben Hochbetrieb. Selbst Maskottchen tragen in diesen Tagen gerne helblau-weiß.

Die Zuschauer bekommen einiges geboten. Mit 70 Lamas waren die Leute aus einer weiteren Andenprovinz, aus Jujuy, angerückt. Die Pferde aus der Pampa mussten jedoch zuhause bleiben, weil eine Krankheit ausgebrochen war, und man Ansteckung der hauptstädtischen Rösser befürchtete. Dafür wurde die Bühne an der Ecke Calle Bartolomé Mitre von drei riesigen weißen Plastikpferden verschönt, denen eine Statue der Madonna von Lujan zur Seite stand.

Am Nachmittag zeigte Argentinien seine Vielfalt als Einwanderland. Die comunidades aus einer Vielzahl von Einwanderernationen defilierten. Chinesische kleine Mädchen in roten bestickten Gewändern lösten Schotten ab, die auf ihren Dudelsäcken argentinische Waisen spielten. Die Brasilianer hatten ihren Christus vom Zuckerhut mitgebracht - aufblasbar. In den Regen hinein knallten schließlich ein paar Feuerwerkskörper, und alles war für heute zuende. Fortsetzung morgen.

Fotos: La Nación, 24.5.2010

Bicentenario - Erster Tag

Während ich dies schreibe, schmettert ein Tenor über den Kongressplatz die argentinische Nationalhymne: Hört den heiligen Schrei, Freiheit, Freiheit, Freiheit! Der Kongress selbst ist strahlend in den Landesfarben blau, weiß und Gold beleuchtet. Endlich sind die ersehnten vier Festtage angebrochen. Alle, die es nicht vorgezogen haben, die freien Tage zu einem Kurzurlaub zu nutzen, strömen auf die Avenida 9 de Julio. Am Freitag abend hat die Präsidentin am Obelisken die Zweihundertjahrfeier eröffnet. Die eher unbeliebte erste Dame der Nation trumpfte mit dem Ausspruch auf, Gott habe sie dazu ausersehen, dieses Bicentenario auszurichten. Nicht Gott hat sie eingesetzt, sondern ihr Mann, wurde gewitzelt, ist Cristina Kirchner doch ihrem Gatten Nestor Kirchner im Amt gefolgt, damit die Pfründe in der Familie bleibt. Nächstes Mal will er wieder antreten. Die, soweit nicht längst ausgerotteten, überall an den Rand gedrängten Indios denken über Gottes Hand wohl etwas anders. Sie waren aus den fernsten Landesteilen zu einem Protestmarsch in die Hauptstadt gekommmen, um ihre Rechte einzufordern: mehr Land, bessere Erziehung sowie Gesundheitsversorgung und vor allem Bewahrung ihrer Kultur und ihrer Sprachen. Doch: Egal wie sehr ihnen die gegenwärtige Politik stinkt, 82% aller Argentinier sind einer Umfrage zufolge stolz auf ihr Land.
Gestern zogen sie alle an der Haupttribüne mit den Honoratioren vorbei. Die Abgesandten der 23 argentinischen Provinzen marschierten, sangen, tanzten, trompeteten, trommelten, fuhren auf geschmückten Wagen. Soviel geballte, freudige und farbige Folklore kann man selbst in Argentinien, wo Volksmusik und Volkstanz hochgehalten werden, selten sehen. Aus Corrientes kamen die gutgebauten Mädchen mit ihren Glitzerbikinis und Federschmuck und zeigten, dass der Karneval im Gebiet der großen Flüsse im Nordosten fast so farbig und lebendig ist wie in Brasilien. Aus dem Chaco, dem wilden, heißen Norden, kamen die Gruppen der Einwander in ukrainischen, russischen und italienischen Trachten, aus Chubut einige Indios und aus Entre Rios Freizeitsoldaten in historischen Uniformen aus der Zeit der Befreiungskämpfe.
Kinder saßen bei ihren Vätern auf den Schultern und schwenkten blau-weisse Fähnchen. Bei den fliegenden Händlern gab es Empanadas und die süssen, fettigen Churros zu kaufen. Zum Schluss, schon tief in der Nacht, überstahlte ein Feuerwerk den Festtrubel in allen Farben.

Argentinien hat Geburttstag. Zweihundert Jahre jung ist es geworden. Herzlichen Glückwunsch!

Fotos: La Nación, 22.5.2010

21. Mai 2010

Aufwasch fürs Bicentenario

In der kleinen Galerie Pasaje 17 an der Passage La Piedad mitten im historischen Viertel Congreso ist was los. Jeden Tag sitzt Esilda, die junge Galeristin, von 17.00 bis 18.00 Uhr im Schaufenster. Mit Verve wäscht und schrubbt sie einen Berg Töpfe und Teller. Derweil kann man in der Galerie selbst alte Lithographien mit Genrebildern aus der heroischen Zeit von Argentinien anschauen. Da schwingen Gauchos das Lasso und die Boledoras, die Wurfkugeln, die das Rind einknicken lassen, ist ein Pferdefuhrwerk mit frischem Fisch zum Markt unterwegs und promenieren die Schönen auf dem paseo.

Warum wäschst Du Geschirr ab? frage ich Esilda. Die Performance ist nicht ohne maliziösen Hintersinn. Limpiar para la patria, fürs Vaterland saubermachen, ist die Devise. Da kommt wohl einiger Schmutz zuammen. Während der zweiwöchigen Aktion wäscht Esilda nur eines nicht: ihre Schürze. Die ist jetzt kurz vor dem entscheidenden Festtag, dem 25. Mai, schon recht fleckig.

Mariana likes this, hat eine junge Passantin im Facebook-Stil an Esildas Fenster geklebt, und eine alte Nachbarin brachte ihren großen Topf vorbei, in dem wohl schon mancher puchero, der deftige Eintopf aus Fleisch, Mais und Gemüse, gekocht worden ist.

17. Mai 2010

Bicentenario - chinesisch

Ganz Buenos Aires ist seit Wochen im Bicentenario-Fieber. An den Tribünen auf der Avenida de Mayo wird gebosselt. Selbst das Teatro Colón ist nun endlich renoviert. Der Count Down bis zum 25. Mai beginnt.
Da will niemand abseits stehen. Auch die chinesische Gemeinde im winzigen Chinatown des barrio Belgrano feierte mit. Gestern bei schönstem, klarem Herbstwetter schlängelte sich ein großer gelb-roter Drachen durch die Calle Arribenos, und echt chinesisch gekleidete Argentino-Chinos führten Kampfspiele und Tänze vor. Selbst Buddha war für einmal Argentinier. Vor seiner Statue wurden Opfergaben niedergelegt, damit am 25. Mai beim großen nationalen Festakt ja nichts schiefgeht. Der Tag für das chinessich-argentinische Fest war vom Kloster Fo Guang Shan festgelegt worden, denn so konnte man gleich noch Buddhas Geburtstag mitfeiern.

Foto: La Nación, 17.5.2010