Dieses Jahr kommen wir Portenos aus dem Festestrubel gar nicht mehr heraus. Kaum sind die gigantischen Fest-Spiele zum 25. Mai 1810 vorbei und die fast ebenso pompöpsen Feiern zum Día de la Bandera in Rosario, da naht schon der Día de la Independencia. Am 9. Juli 1816 hat die erste Nationalversammlung Argentiniens in der Andenstadt San Miguel de Tucumán die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Präsidentin Cristina Kirchner nebst Gatten ist eigens nach Tucumán gereist und hat sich zu diesem Anlass die den Franzosen seinerzeit abgeguckte rote Revolutionsmütze aufgesetzt. Sie liebt ohnehin die bedeutungsträchtige Kostümierung. Zu einer Arbeiterdemonstration in Paris war sie in passender Schirmmütze erschienen, natürlich in kleidsamer Designerversion.
Ohne präsidentiellen Glanz, aber hochgestimmt und fröhlich fand das kleine Fest in Buenos Aires statt. Wiedereinmal sass ich in der Loge, denn alles spielte sich an der Ecke von Avendia de Mayo und Plaza del Congreso ab, der eigentlich Plaza de los dos Congresos heißt, um an das erste Parlament in Tucumán zu erinnern. Hier im barrio wurde gleich doppelt gefeiert, denn die Avendia de Mayo in ihrer heutigen Gestalt wurde 116 Jahre alt. So hatten die Freunde der Avenida de Mayo geladen, war Stadtkultursekretär Hernán Lombardi erschienen, dankte ein Geistlicher der Heiligen Jungfrau und wurde die albiceleste, die Flagge, feierlich aufgezogen. Dann hatten die Folkloretänze aus der Provinz Santiago del Estéro die Bühne und tanzten in ihren malerischen Kostümen eine Chacarena und Salsa nach der anderen bis in die späten Nachmittagsstunden dieses klaren, sonnigen Wintertags. Die Caballeros in ihren Pluderhosen, den hochhackigen Stiefeln , weißen Spitzengamaschen und schwarzen Sombreros, den Poncho über der Schulter und das Messer mit Silberknauf im Gürtel, stahlen den Frauen fast die Schau.
Das Bandoneon klagte und Gitarre und Trommel schlugen den Rhythmus. Der Conferencier versicherte, in Santiago del Estero, der fernen und armen Provinz im Nordwesten, habe man viel Zeit zum Tanzen, heiße die Provinz doch wegen des Brauchs, von Mittag bis fast in den Abend hinein Siesta zu halten, auch Santiago del Descanso, Santiago des Ausruhens. Viva la Patria, viva! Mit viel Tanzfreude und Nationalstolz, aber fernab der aktuellen politischen Streitereien ging dieser portensische Nachmittag zuende.
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10. Juli 2010
31. März 2010
Smartes Rankenwerk

Weit weniger gedankenschwer als bei der Bicentenario-Ausstellung im Palais de Glace, vielmehr mit smarter Unverbindlichkeit ging es vor einigen Tagen bei der Eröffnung einer neuen Kunstgalerie zu, für die ich nur ein paar Stufen zu gehen hatte. In meinem Haus, dem Belle Epoque-Gebäude La Inmobilaria an der Avenida de Mayo, bat Ignacio Liprandi zur Vernissage. Der zum Kunstsammler und -händler mutierte Finanzmensch hatte uns ein Jahr lang mit dem geräuschvollen Umbau seiner neuen Räume "erfreut". Nun war das Ergebnis zu besichtigen.
In der Flucht von blendend weißen, lichtdurchfluteten Räumen an der Plaza del Congreso traf sich tout Buenos Aires, besonders das junge hübsche. Für all die ranken Mädchen in ihren modegerechte
n Kinderkleidchen, die edlen jungen Wilden und die vornehm angegrauten Herren hatte Liprandi einiges Großformatige von Fabián Bercic aufgehängt. In der Kunst wie im Leben, zumindest der Anwesenden, herrschte das Ornament, natürlich ein wenig ironisch verfremdet. Verschlungene Plastikarabesken in Knallfarben rankten sich auf weißen Wänden oder vor einer scheinbar idyllischen Großlandschaft mit Schweinen und Hund.
n Kinderkleidchen, die edlen jungen Wilden und die vornehm angegrauten Herren hatte Liprandi einiges Großformatige von Fabián Bercic aufgehängt. In der Kunst wie im Leben, zumindest der Anwesenden, herrschte das Ornament, natürlich ein wenig ironisch verfremdet. Verschlungene Plastikarabesken in Knallfarben rankten sich auf weißen Wänden oder vor einer scheinbar idyllischen Großlandschaft mit Schweinen und Hund.Liprandis Bemühen wurde mit einer zweispaltigen Besprechung in der Literatur- und Kunstbeilage von Clarín, der größten Tageszeitung belohnt, denn der frischgebackene Galerist ist nicht irgendwer. Fast wäre er vor zwei Jahren oberster Kulturmanager der Stadt geworden. Der joviale Endvierziger versteht es, ein scharfes Auge und einen gesunden Geschäftssinn unter einer Miene entspannter Freundlichkeit zu verbergen. Als er vor ein paar Monaten einige Bilder in New York ausstellte, soll er dem Vernehmen nach alle verkauft haben.
Fotos: Clarín-Beilage N, 20.3.2010
24. Dezember 2009
Maria und Josef bei den Argentiniern II
Die Freunde der Avenida de Mayo machten es möglich. Zwei Tage vor Heiligabend wurde das Endlosband abgestellt, und junge Tänzer in den farbenprächtigen Kostümen der Anden, die Jungen
mit Indiomütze und Poncho, die Mädchen mit knallbunten weiten Röcken und handgewebten Umhängen, tanzten an "meinem" Platz vor der Krippe. Eine schöne junge Maria im himmelblauen Mantel ging mit ihrem Josef im Beduinenlook und dem Kind still durch die Menge der Tänzer und Zuschauer. Der Monsignor hielt eine Ansprache, dass wir diesen Abend alle in unserem corazon, unserem Herzen, bewahren sollten und segnete drei frischvermählte Ehepaare im Angesicht des heiligen Paars vor der Krippe. Dann wurde es lustig. Der Sänger Zamba Quipildor sang Weihnachstweisen, deren Melodien der rhythmusbetonten argentinischen Folkloremusik entlehnt waren, und die Band ließ die Trommeln wirbeln. Im Hintergrund hatte die Avenida de Mayo ihre weihnachtlichen Lichtervorhänge aufgehängt.
Urahne, Mutter und Kind aus der Nachbarschaft dieses Traditionsviertels hatten sich versammelt. So auch meine Nachbarin Susana mit Enkel Santiago. Nach Weihnachten wird sie mit der ganzen Sippe in das Haus der Eltern nach Cordoba, dem argentinischen natürlich, aufbrechen. Sie werden wohl einen Kleinbus brauchen, denn nur die engere Familie bringt 18 Reisende zusammen. Argentinier haben vorerst keine Nachwuchssorgen.
mit Indiomütze und Poncho, die Mädchen mit knallbunten weiten Röcken und handgewebten Umhängen, tanzten an "meinem" Platz vor der Krippe. Eine schöne junge Maria im himmelblauen Mantel ging mit ihrem Josef im Beduinenlook und dem Kind still durch die Menge der Tänzer und Zuschauer. Der Monsignor hielt eine Ansprache, dass wir diesen Abend alle in unserem corazon, unserem Herzen, bewahren sollten und segnete drei frischvermählte Ehepaare im Angesicht des heiligen Paars vor der Krippe. Dann wurde es lustig. Der Sänger Zamba Quipildor sang Weihnachstweisen, deren Melodien der rhythmusbetonten argentinischen Folkloremusik entlehnt waren, und die Band ließ die Trommeln wirbeln. Im Hintergrund hatte die Avenida de Mayo ihre weihnachtlichen Lichtervorhänge aufgehängt.Urahne, Mutter und Kind aus der Nachbarschaft dieses Traditionsviertels hatten sich versammelt. So auch meine Nachbarin Susana mit Enkel Santiago. Nach Weihnachten wird sie mit der ganzen Sippe in das Haus der Eltern nach Cordoba, dem argentinischen natürlich, aufbrechen. Sie werden wohl einen Kleinbus brauchen, denn nur die engere Familie bringt 18 Reisende zusammen. Argentinier haben vorerst keine Nachwuchssorgen.
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27. September 2009
Tschingderassabumm!
Am runden Seitenplatz unter meinen Fenstern ist viel los. Dr. Mariano Moreno, seiner Zeit in der Unabhängigkeitsbewegung aktiv, Gründer der ersten argentinischen Zeitung sowie der Nationalbibliothek und Vater von vierzehn Kindern, hat Geburtstag.
Ein Lautsprecherwagen fährt vor dem Bronzedenkmal Morenos vor und prüft die Akustik, dann marschieren
sie an. Pünktlich um 11.00 treffen drei Formationen dekorativ bekleideten Militärs ein. Blech blitzt auf. Militärmusik schmettert über den Platz. Ansprachen folgen. Eine männliche Stimme beginnt, eine weibliche folgt, für mich durch das frühlingshaft sprießende Grün der Bäume im Vordergrund verdeckt. El Doctor schallt es herauf, la patria, la Argentina und la Avenida de Mayo. Darauf spielt und singt das Musikkorps die Nationalhymne: Libertad, libertad, libertad! Aus silberner Trompete ertönt ein Solo für Mariano Moreno. Der sitzt derweil entspannt und ziemlich zivilistisch auf seinem Sockel. Dann noch ein fröhlicher Tusch, und alles ist vorbei. Der zackige Abmarsch verzögert sich etwas, weil von rechts aus der Avenida de Mayo die erste piquete - Demo - des Tages Richtung Kongress aufmarschiert. Grüne und lila Protestbanner stehen, zumindest farblich, gegen Khaki und Preußisch Blau.
Während meines Hierseins erlebe ich schon die zweite militärische Ehrung für Mariano Moreno. Sicher gibt es eine ganze Abteilung in der Armee, die ständig auf den Beinen ist, um all den bedeutenden Bronzefiguren der argentinischen Vergangenheit ein Ständchen zu geben.
Ein Lautsprecherwagen fährt vor dem Bronzedenkmal Morenos vor und prüft die Akustik, dann marschieren
sie an. Pünktlich um 11.00 treffen drei Formationen dekorativ bekleideten Militärs ein. Blech blitzt auf. Militärmusik schmettert über den Platz. Ansprachen folgen. Eine männliche Stimme beginnt, eine weibliche folgt, für mich durch das frühlingshaft sprießende Grün der Bäume im Vordergrund verdeckt. El Doctor schallt es herauf, la patria, la Argentina und la Avenida de Mayo. Darauf spielt und singt das Musikkorps die Nationalhymne: Libertad, libertad, libertad! Aus silberner Trompete ertönt ein Solo für Mariano Moreno. Der sitzt derweil entspannt und ziemlich zivilistisch auf seinem Sockel. Dann noch ein fröhlicher Tusch, und alles ist vorbei. Der zackige Abmarsch verzögert sich etwas, weil von rechts aus der Avenida de Mayo die erste piquete - Demo - des Tages Richtung Kongress aufmarschiert. Grüne und lila Protestbanner stehen, zumindest farblich, gegen Khaki und Preußisch Blau.Während meines Hierseins erlebe ich schon die zweite militärische Ehrung für Mariano Moreno. Sicher gibt es eine ganze Abteilung in der Armee, die ständig auf den Beinen ist, um all den bedeutenden Bronzefiguren der argentinischen Vergangenheit ein Ständchen zu geben.
29. August 2009
Protestissimo Argentino
Ende der Rückblende auf stille Tage in Siebenbürgen und Szenewechsel zurück nach Buenos Aires, von wo ich in den nächsten Wochen berichten werde.
Ein neues Mediengesetz steht in Argentinien vor der Verabschiedung, das dem Staat, sprich dem regierenden Ehepaar Kirchner – Cristina aktuelle Präsidentin, Nestor Expräsident mit weiterhin entscheidendem Einfluss auf die Regierungspolitik – mehr Kontrolle über die Medien verschaffen wir
d. Machen die Kirchners doch vor allem die Presse für ihre Wahlschlappe vom Juni verantwortlich. In guter peronistisch-populistischer Tradition regiert man gerne mit der Straße. So intensiviert sich in diesen Tagen der in Buenos Aires geradezu ritualisierte Straßenprotest. Am Donnerstag fand so etwas wie der Welttag der Piquete statt, und ich habe an meiner strategischen Straßenecke wieder einmal einen Logenplatz.
Von links aus der Calle Hipolito Yrigoyen zieht ein Trupp weiß Bekittelter heran. Es ist nicht auszumachen, ob es sich um Schüler oder Krankenhauspersonal handelt, denn die Uniform für Lehrer und Schüler ist in den staatlichen Schulen ein recht unkleidsamer weißer Kittel. Mangels Trommeln machen die Demonstranten mit rhythmischem Klatschen auf sich aufmerksam. Gegen Mittag bekommen sie Verstärkung von Los Pibes / Die Jungen. Das ist wohl eine Jugendorganisation der regierenden Peronisten (PJ), denn ich habe die Pibes sich bei anderer Gelegenheit im Stadtteil La Boca vor dem PJ-Parteilokal sammeln sehen.
Gegen 17.00 schließlich der Höhepunkt des Protesttages. Aus der Avenida de Mayo bewegt sich ein Zug mit Schildern, die ihn als Polo Obrero - ein Sammelbecken von Arbeiterverbänden -
ausweisen, auf das Kongr
essgebäude zu. Vom mitgeführten Lastwagen mit Lautsprecher herunter skandiert eine Frauenstimme Parolen. Ein Meer von Hellblau und Weiß bietet sich dem Auge aus der Vogelperspektive. Viele haben sich die argentinische Flagge als Mantel um die Schultern gehängt. Schließlich nähert sich bandwurmgleich ein Zug, dessen Teilnehmer die Nationalflagge zwischen sich tragen. Eine schier endlose Flaggenschlange windet sich von der Ecke Avenida de Mayo und Calle Pte. L. Saenz Peña den Platz entlang bis zum Monument vor dem Kongress. Sie hätte gute Chance, in das Guinness Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Bei allen Protestmärschen, selbst von anarchistischen und trotzkistischen Splittergruppen, ist die Nationalflagge dabei. Argentinier beklagen oft, ihre Landsleute hätten nicht genug Nationalgefühl. Die Protestfolklore widerlegt diesen Eindruck. Gegen 19.00 trifft hinten am Kongress ein weiterer Zug ein, aus westlicher Richtung, aus der Avenida Rivadavia. Erst mit Einbruch der Dunkelheit geht dieser Protesttag zu Ende.
Bildnachweis: Piquete-Karikatur: La Nacion, 1.9.2009
Ein neues Mediengesetz steht in Argentinien vor der Verabschiedung, das dem Staat, sprich dem regierenden Ehepaar Kirchner – Cristina aktuelle Präsidentin, Nestor Expräsident mit weiterhin entscheidendem Einfluss auf die Regierungspolitik – mehr Kontrolle über die Medien verschaffen wir
d. Machen die Kirchners doch vor allem die Presse für ihre Wahlschlappe vom Juni verantwortlich. In guter peronistisch-populistischer Tradition regiert man gerne mit der Straße. So intensiviert sich in diesen Tagen der in Buenos Aires geradezu ritualisierte Straßenprotest. Am Donnerstag fand so etwas wie der Welttag der Piquete statt, und ich habe an meiner strategischen Straßenecke wieder einmal einen Logenplatz.Von links aus der Calle Hipolito Yrigoyen zieht ein Trupp weiß Bekittelter heran. Es ist nicht auszumachen, ob es sich um Schüler oder Krankenhauspersonal handelt, denn die Uniform für Lehrer und Schüler ist in den staatlichen Schulen ein recht unkleidsamer weißer Kittel. Mangels Trommeln machen die Demonstranten mit rhythmischem Klatschen auf sich aufmerksam. Gegen Mittag bekommen sie Verstärkung von Los Pibes / Die Jungen. Das ist wohl eine Jugendorganisation der regierenden Peronisten (PJ), denn ich habe die Pibes sich bei anderer Gelegenheit im Stadtteil La Boca vor dem PJ-Parteilokal sammeln sehen.
Gegen 17.00 schließlich der Höhepunkt des Protesttages. Aus der Avenida de Mayo bewegt sich ein Zug mit Schildern, die ihn als Polo Obrero - ein Sammelbecken von Arbeiterverbänden -
ausweisen, auf das Kongr
essgebäude zu. Vom mitgeführten Lastwagen mit Lautsprecher herunter skandiert eine Frauenstimme Parolen. Ein Meer von Hellblau und Weiß bietet sich dem Auge aus der Vogelperspektive. Viele haben sich die argentinische Flagge als Mantel um die Schultern gehängt. Schließlich nähert sich bandwurmgleich ein Zug, dessen Teilnehmer die Nationalflagge zwischen sich tragen. Eine schier endlose Flaggenschlange windet sich von der Ecke Avenida de Mayo und Calle Pte. L. Saenz Peña den Platz entlang bis zum Monument vor dem Kongress. Sie hätte gute Chance, in das Guinness Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Bei allen Protestmärschen, selbst von anarchistischen und trotzkistischen Splittergruppen, ist die Nationalflagge dabei. Argentinier beklagen oft, ihre Landsleute hätten nicht genug Nationalgefühl. Die Protestfolklore widerlegt diesen Eindruck. Gegen 19.00 trifft hinten am Kongress ein weiterer Zug ein, aus westlicher Richtung, aus der Avenida Rivadavia. Erst mit Einbruch der Dunkelheit geht dieser Protesttag zu Ende.Bildnachweis: Piquete-Karikatur: La Nacion, 1.9.2009
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