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1. Juli 2010

Immigrantennation auf spanisch-katholisch

Wenn ich mein Haus günstig verkaufen kann, mache ich eine Pilgerfahrt zur Madonna von Lujan. - Wieso zur argentinischen Nationalheiligen, Du bis doch gar nicht katholisch? frage ich den jüdischen Freund. Das macht nichts. In meinen Adern fliesst Porteno-Blut und da gehört die Madonna dazu.

Nichts könnte die Argentinidad besser umschreiben, als diese Anekdote. Argentinien klopft sich im Jahr des Bicentenario mit Vorliebe selbst auf die Schulter und sieht sich als tolerantes Einwandererland. Präsidentin Cristina Kirchner, die eine Schwäche dafür hat, andere zu schulmeistern, liebt es, den Europäern Lehren über den Umgang mit Einwanderern zu erteilen. Gerne übersieht man hier, dass die Einwanderungsgeschichte inzwischen etwas in die Jahre gekommen ist. Die großen Einwandererwellen liegen zwischen 120 und 60 Jahren zurück. Und die damals noch junge, ungefestigte Nation erwartete von ihren Immigranten eine Anpassung an die spanisch-katholische Leitkultur, an die im heutigen Europa nicht zu denken wäre. Alle Vornamen mussten hispanisiert werden. Wer sein Kind Karl oder Heinrich nennen wollte, landete bei Carlos und Enrique. Deshalb gibt es in Argentinien so viele Menschen mit Nachnamen wie Müller oder Bunge und spanischen Vornamen. Man stelle sich vor, die deutschen Behörden verlangten von türkischstämmigen Bürgern, dass sie ihr Kind Martin statt Feiredun nennen. Es gäbe wohl, zu Recht, einen Aufruhr. Das italienische Kulturinstitut von Buenos Aires beklagt, dass so wenige Portenos Italienisch sprächen, obwohl nahezu die Hälfte aller Argentinier italienische Vorfahren habe. Die mitgebrachte Sprache zu bewahren gelang nur wenigen, denn es wurde zu keiner Zeit gefördert.

Jüngere Einwanderung oder besser Arbeitsmigration gibt es in Argentinien nur aus Nachbarländern wie Bolivien und Peru. Die von dort kommen, sind so katholisch wie die große Mehrheit der Argentinier und sprechen ebenso Spanisch. Dennoch werden sie häufig über die Schulter angesehen. Heute wandern Argentinier eher selbst ab, nach Brasilien, das Argentinien wirtschaftlich immer mehr abhängt oder nach Spanien. Nicht von ungefähr lebt nur einer der Spieler in der argentinischen Fußballnationalmannschaft in seinem Heimatland. Alle anderen verdienen ihr Fußballerbrot im Ausland.

Eine Gruppe von Menschen, die nach Argentinien gar nicht einwandern musste, weil sie schon immer da war, lebt in ihrem eigenen Land vielfach wie im Exil, an den Rand gedrängt, geographisch und sozial marginalisiert- die Indios.

9. Juni 2010

Bicentenario - Nachlese I

Gerade noch rechtzeitig ist sie fertig geworden: die Casa de Bicentenario. Die Frauen haben die Nase vorn. Auf drei Etagen verteilt, gibt es eine Gesamtschau der Mujeres de la Argentina 1810-2010. Ein gut inszeniertes Ensemble von Fotos, Objekten, Filmen ud Liveinterviews soll ein Bild der argentinischen Frau in den letzten 200 Jahren vermitteln. Ein wenig beliebig, aber umfangreich. So findet jeder etwas. Die Stimmen der bekanntesten Dichterinnen lassen sich per Tonband anhören. Unvermittelt steht die Mühsal von Indiofrau in den Dörfen des Nordens und Nordwesten neben einer Reihe rüschiger Hochzeitskleider. Auf drei Bildschirmen erzählen männliche Passanten von ihrer argentinischen Traumfrau. Evita, die Herzköngin, ist fast immer dabei. Wer von der Peronstin weniger angetan ist, vemeidet das vertrauliche Evita und spricht von Eva Perón. Aber die Wichtigste war sie, davon sind alle überzeugt. Weit abgeschlagen die Frauenrechtlerin Alicia Moreau de Justo, die Amazone Juana Azurduy und die heutige Erste Dame, Cristina Kirchner. Vielen Männern sind die eigene Mutter oder Ehefrau näher als die abgehobenen Gestalten der Geschichte. Immerhin ist in diesem Land des machismo schon 1999 ein Gesetz verabschiedet worden, das 30% weibliche Parlamentskandidaten vorschreibt, und tatsächlich sieht man viele Frauen im Congreso auf den Abgeordnetenbänken.

Die Zeit des breitformatigen Ölschinkens in einem der Ausstellungsräume scheint fern zu sein. Um die Campana del Desierto zu rechtfertigen, den brutalen Vernichtungsfelzug gegen die indianische Urbevölkerung im 19. Jarhhundert, hatte der Maler nicht mit dick aufgetragener Symbolik gespart. Da reitet eine Horde nackter Wilder quer durchs Gemälde. Der vorderste hat eine halbnackte weiße Frau vor sich auf dem Sattel. Hilflos-lustvoll leuchtet ihr weißer Leib und flattert ihr langes Haar. Der nächste hat ein Kreuz erobert, und ein anderer hat eine (Schatz)kiste vor sich. Die cautiva blanca, die weiße Gefangene, entzündete und beflügelte Männerphantasien. Sie rauben uns unsere Frauen, unseren Glauben und unser Geld, also nieder mit ihnen, war die Botschaft.

Im Parterre läuft ein Zusammenschnitt von alten Filmen und Wochenschauen zur argentinischen Geschichte. Da gibt es weit weniger Frauen zu sehen. Viele hochtönende Reden werden geschwungen, Straßenschlachten geschlagen und rote Teppiche ausgerollt. Vowiegend älteres Publikum hat sich zur Betrachtung dieses patriotischen Kaleidoskops eingefunden. Die Jüngeren tummeln sich derweil in einer knallbunten, flimmernden Kunstschau im Centro Cultural Recoleta, wo sich in der Ausstellung Fase 2 die junge Kunstszene mit ihren Zukunfstvisionen austobt.

Abbildung aus dem Programmheft von Fase 2

26. Mai 2010

Bicentenario - Vierter und letzter Tag oder "Lasst Millionen um mich sein!"

Zwei Millionen Menschen, fast soviele wie in ganz Hamburg wohnen, tummelten sich gestern im Zentrum von Buenos Aires rund um den Obelisken und feiertern sich selbst und den 200. Geburtstag ihres Landes. Das Jubelfest erreichte am Abend mit einem historischen Bilderbogen in 19 Szenen von den Befreiungskämpfen über die Zeit der Einwanderung und den folgenden Wirtschaftsaufschwung bis zur jüngsten Militärdiktatur und deren Überwindung seinen Höhepunkt. Auf der Ehrentribüne konnte die Präsidentin mit der geballten Prominenz von neun südamerikanischen Staatschefs aufwarten. Viva Argentina, tönte es aus tausenden von Kehlen, aus nicht ganz so vielen auch Viva Perón und Viva Cristina.

Vor dem Cabildo, dem Rathaus, das in seinem Kern noch aus der spanischen Kolonialzeit stammt, hatten Hunderte die Nacht zuvor Wache gehalten, um in den 25. Mai hineinfeiern zu können. Eine etwas andere Nachtwache fand auf der Plaza del Congreso unter meinen Fenstern statt und hielt auch mich bis in die Morgenstunden wach. Alle Gruppen links von der Regierung und die Vertreter der Indios begingen ein alternatives Gedenkfest. Indianische Gesänge auf Ketchua und Guaraní, viele, viele flammende Ansprachen und immer wieder Trommelwirbel lösten sich ab. Vor der Tribüne tanzten Murgas, Karnevalsfiguren, zum stampfenden Rhythmus der Trommeln. An Buchständen konnte man die Werke von Carlos Marx oder einen Band mit Stalin-Interviews erwerben. Nebenan brodelte ein puchero, ein Eintopf, überm Feuer. Die zweite Unabhängigkeit forderte man ein. Nach der ersten von Spanien vor 200 Jahren nun die Unabhängigkeit der Indios auf ihrem Land und die Unabhängigkeit von der Globaliserung. Nur ein kleines Häuflein von Zuschauer hatte sich eingefunden. Man war unter sich. Die Regierung schien ihren Schmuddelkindern diese Spielwiese eingeräumt zu haben, damit sie nicht bei der Feier der Großen störten.
Aus einem Pulk begeisterter Peronisten konnte ich mich am Festabend schließlich hinauswinden und feierte mit einigen anderen Portenos in der Halle des schönsten Bürogebäudes von Buenos Aires, im Barolo, den veinticinco de Mayo mit einem hinreißend verrockten Tangokonzert. Baile, baile companero, la vida es una milonga.
Fotos: La Nación, 26.5.2010


24. Mai 2010

Bicentenario - Zweiter Tag

Um 18.00 Uhr war gestern alles vorbei. Die Tangoschau am Obelisk musste ausfallen, denn es regnete in Strömen. Wie 1810, sagten wissend die Älteren, als könnten sie sich noch an den Geburtstag ihrer Republik erinnern. Aber alles ist im Bild festgehalten. Und da schweben über den Biedermeierroben der am 25. Mai vor 200 Jahren auf der Plaza de Mayo versammelten Bürger von Buenos Aires schwarze Regenschirme. Ob es die damals schon gab, oder ob der Maler sie später dazu erfunden hat, ist umstritten.

Trotz des Gewitterausbruchs im Jahr 2010 gab es aber noch viel zu sehen. Die Tanzgruppe von den Anden zum Beispiel. Die Frauen in blumigen langen Kleidern, die Männer zum Verlieben. Unterm riesigen schwarzen Sombrero lugte bei einem der alternative Zopf hervor. Die Pluderhosen, die Schärpen, die Stiefel mit Absatz, der weinrote Poncho lässig über der Schulter. Die Mannsbilder stahlen ihren Frauen die Schau. Ich bin aus La Rioja sang Cristina Velasco mit tiefer, kräftiger Stimme und begleitete sich selbst mit einem Trommelwirbel. Die ferne, trockene und heiße Provinz am Andenrand, aus der die besten Oliven kommen, zeigte alles, was sie zu bieten hat. Nur einer war nicht dabei, der noch vor 30 Jahren im Mittelpunkt gestanden hätte. Carlos Menem, der Präsident, der das Land nach Caudillo-Manier regierte, es aber auch nach außen öffnete, kommt aus La Rioja. Heute ist er abgemeldet. Nur wer kirchnertreu ist, darf beim Staatsbankett am 25. dabei sein. Die ehemaligen Präsidenten de la Rua, Menem und Duhalde gehören nicht dazu, ebenso wenig wie Vizepräsident Cobos, mit dem die Chefin über Kreuz ist. Viel politisches Gezänk ist im Spiel. Das trübt aber nicht die Begeisterung der herbeiströmenden Massen. Die Fähnchenverkäufer haben Hochbetrieb. Selbst Maskottchen tragen in diesen Tagen gerne helblau-weiß.

Die Zuschauer bekommen einiges geboten. Mit 70 Lamas waren die Leute aus einer weiteren Andenprovinz, aus Jujuy, angerückt. Die Pferde aus der Pampa mussten jedoch zuhause bleiben, weil eine Krankheit ausgebrochen war, und man Ansteckung der hauptstädtischen Rösser befürchtete. Dafür wurde die Bühne an der Ecke Calle Bartolomé Mitre von drei riesigen weißen Plastikpferden verschönt, denen eine Statue der Madonna von Lujan zur Seite stand.

Am Nachmittag zeigte Argentinien seine Vielfalt als Einwanderland. Die comunidades aus einer Vielzahl von Einwanderernationen defilierten. Chinesische kleine Mädchen in roten bestickten Gewändern lösten Schotten ab, die auf ihren Dudelsäcken argentinische Waisen spielten. Die Brasilianer hatten ihren Christus vom Zuckerhut mitgebracht - aufblasbar. In den Regen hinein knallten schließlich ein paar Feuerwerkskörper, und alles war für heute zuende. Fortsetzung morgen.

Fotos: La Nación, 24.5.2010

Bicentenario - Erster Tag

Während ich dies schreibe, schmettert ein Tenor über den Kongressplatz die argentinische Nationalhymne: Hört den heiligen Schrei, Freiheit, Freiheit, Freiheit! Der Kongress selbst ist strahlend in den Landesfarben blau, weiß und Gold beleuchtet. Endlich sind die ersehnten vier Festtage angebrochen. Alle, die es nicht vorgezogen haben, die freien Tage zu einem Kurzurlaub zu nutzen, strömen auf die Avenida 9 de Julio. Am Freitag abend hat die Präsidentin am Obelisken die Zweihundertjahrfeier eröffnet. Die eher unbeliebte erste Dame der Nation trumpfte mit dem Ausspruch auf, Gott habe sie dazu ausersehen, dieses Bicentenario auszurichten. Nicht Gott hat sie eingesetzt, sondern ihr Mann, wurde gewitzelt, ist Cristina Kirchner doch ihrem Gatten Nestor Kirchner im Amt gefolgt, damit die Pfründe in der Familie bleibt. Nächstes Mal will er wieder antreten. Die, soweit nicht längst ausgerotteten, überall an den Rand gedrängten Indios denken über Gottes Hand wohl etwas anders. Sie waren aus den fernsten Landesteilen zu einem Protestmarsch in die Hauptstadt gekommmen, um ihre Rechte einzufordern: mehr Land, bessere Erziehung sowie Gesundheitsversorgung und vor allem Bewahrung ihrer Kultur und ihrer Sprachen. Doch: Egal wie sehr ihnen die gegenwärtige Politik stinkt, 82% aller Argentinier sind einer Umfrage zufolge stolz auf ihr Land.
Gestern zogen sie alle an der Haupttribüne mit den Honoratioren vorbei. Die Abgesandten der 23 argentinischen Provinzen marschierten, sangen, tanzten, trompeteten, trommelten, fuhren auf geschmückten Wagen. Soviel geballte, freudige und farbige Folklore kann man selbst in Argentinien, wo Volksmusik und Volkstanz hochgehalten werden, selten sehen. Aus Corrientes kamen die gutgebauten Mädchen mit ihren Glitzerbikinis und Federschmuck und zeigten, dass der Karneval im Gebiet der großen Flüsse im Nordosten fast so farbig und lebendig ist wie in Brasilien. Aus dem Chaco, dem wilden, heißen Norden, kamen die Gruppen der Einwander in ukrainischen, russischen und italienischen Trachten, aus Chubut einige Indios und aus Entre Rios Freizeitsoldaten in historischen Uniformen aus der Zeit der Befreiungskämpfe.
Kinder saßen bei ihren Vätern auf den Schultern und schwenkten blau-weisse Fähnchen. Bei den fliegenden Händlern gab es Empanadas und die süssen, fettigen Churros zu kaufen. Zum Schluss, schon tief in der Nacht, überstahlte ein Feuerwerk den Festtrubel in allen Farben.

Argentinien hat Geburttstag. Zweihundert Jahre jung ist es geworden. Herzlichen Glückwunsch!

Fotos: La Nación, 22.5.2010

21. Mai 2010

Aufwasch fürs Bicentenario

In der kleinen Galerie Pasaje 17 an der Passage La Piedad mitten im historischen Viertel Congreso ist was los. Jeden Tag sitzt Esilda, die junge Galeristin, von 17.00 bis 18.00 Uhr im Schaufenster. Mit Verve wäscht und schrubbt sie einen Berg Töpfe und Teller. Derweil kann man in der Galerie selbst alte Lithographien mit Genrebildern aus der heroischen Zeit von Argentinien anschauen. Da schwingen Gauchos das Lasso und die Boledoras, die Wurfkugeln, die das Rind einknicken lassen, ist ein Pferdefuhrwerk mit frischem Fisch zum Markt unterwegs und promenieren die Schönen auf dem paseo.

Warum wäschst Du Geschirr ab? frage ich Esilda. Die Performance ist nicht ohne maliziösen Hintersinn. Limpiar para la patria, fürs Vaterland saubermachen, ist die Devise. Da kommt wohl einiger Schmutz zuammen. Während der zweiwöchigen Aktion wäscht Esilda nur eines nicht: ihre Schürze. Die ist jetzt kurz vor dem entscheidenden Festtag, dem 25. Mai, schon recht fleckig.

Mariana likes this, hat eine junge Passantin im Facebook-Stil an Esildas Fenster geklebt, und eine alte Nachbarin brachte ihren großen Topf vorbei, in dem wohl schon mancher puchero, der deftige Eintopf aus Fleisch, Mais und Gemüse, gekocht worden ist.

17. Mai 2010

Bicentenario - chinesisch

Ganz Buenos Aires ist seit Wochen im Bicentenario-Fieber. An den Tribünen auf der Avenida de Mayo wird gebosselt. Selbst das Teatro Colón ist nun endlich renoviert. Der Count Down bis zum 25. Mai beginnt.
Da will niemand abseits stehen. Auch die chinesische Gemeinde im winzigen Chinatown des barrio Belgrano feierte mit. Gestern bei schönstem, klarem Herbstwetter schlängelte sich ein großer gelb-roter Drachen durch die Calle Arribenos, und echt chinesisch gekleidete Argentino-Chinos führten Kampfspiele und Tänze vor. Selbst Buddha war für einmal Argentinier. Vor seiner Statue wurden Opfergaben niedergelegt, damit am 25. Mai beim großen nationalen Festakt ja nichts schiefgeht. Der Tag für das chinessich-argentinische Fest war vom Kloster Fo Guang Shan festgelegt worden, denn so konnte man gleich noch Buddhas Geburtstag mitfeiern.

Foto: La Nación, 17.5.2010

27. April 2010

Das Fest des Buches II

Eine spannende Debatte konnte man auf der Feria del Libro am Sonntag verfolgen. Bei einer Podiumsdiskussion von acht bekannten regierungskritischen Journalisten der Zeitungen Clarín, La Nación und Perfil - die eingeladenen regierungsfreundlichen hatten abgesagt - ging es um die Freiheit der Meinungsäußerung. Alle acht sehen die Pressefreiheit als zunehmend bedroht an und waren selbst zum Teil einschüchternden verbalen Angriffen ausgesetzt. Nach Darstellung von Daniel Santoro, Clarín, hat es im Jahr 2009 landesweit 147 Angriffe auf Journalisten gegeben. Das Panel sieht die Schuld bei der Regierung, die teils selbst gegen die ihnen nicht genehme Presse hetze, teils ihre Gefolgsleute zu aggressiven Protesten gegen Journalisten animiere oder gegen Rufmordkampagnen nicht Stellung beziehe.

Hintergrund der Debatte im sich zuspitzenden Pressekrieg ist ein anonymes Plakat aus den letzten Tagen, auf dem bekannte Journalisten mit Foto und Namen gezeigt und als ehemalige Handlanger der Militärdiktatur denunziert werden, u.a. weil sie bei einer Zeitung arbeiteten (Clarín), deren Herausgeberin vermutlich Kinder von desaparecidos adoptiert habe (siehe dazu Blogeintrag Zwangs"beglückung" vom 23.4.2010) Für Donnerstag dieser Woche haben die Madres de la Plaza de Mayo, die sich unter ihrer Chefin Hebe de Bonafini zu einer kirchnertreuen Kampftruppe entwickelt haben, zu einem öffentlichen Tribunal gegen dieselben Journalisten auf der Plaza de Mayo aufgerufen. Anibal Fernandez, der als Kabinettchef eigentlich über der Debatte stehen sollte, ließ sich kürzlich mit einem T-Shirt fotografieren, auf dem das Wahrzeichen von Clarín, ein Mann mit Fanfare, zu Boden gestürzt ist.

Das Klima der Intoleranz und die Tiefe der ideologischen Spaltung der argentinischen Gesellschaft zeigt ein anderer Vorfall auf der Messe vom selben Tag. Eine Gruppe von Demonstranten versuchte, die Vorstellung eines Buches zu verhindern, in dem Kritik am INDEC, dem nationalen Amt für Statistik geübt wird, das schon seit Jahren neuralgische Daten wie die Statistiken für Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut schönfärbt und vom Internationalen Währungsfonds wiederholt kritisiert wurde. Beatrice Sarlo, bekannte linksliberale Publizistin und u.a. ein Jahr Gast des Wissenschaftskollegs in Berlin, sagte vom Podium aus, die Demonstration zeige, wie notwendig die politische Debatte um das Amt für Statistik sei.

Angesichts der aktuellen Misere stehen große Teile der Messe ganz im Zeichen der Nostalgie. Im Jahr des Bicentenario findet sie unter dem Motto Festejar con Libros 200 Anos de Historia statt. So gibt es eine Fülle von Neuerscheinungen zu Argentiniens Geschichte und viele schöne Bildbände im Geiste nationaler Erbauung. Bücher über die Helden der Unabhängigkeitskriege, San Martín und Belgrano, über das spezifisch argentinische Amalgam aus weitem Land, Gauchos, Pferden und Traditionsliebe, das man gerne als Criollo bezeichnet, Künstlerbücher zur Zweihundertjahrfeier, wer in Argentinischem schwelgen will, wird heuer reich bedient.


Karikatur : La Nación, 27.4.2010: " Sieh mal, was ich mir für ein Riesenbuch auf der Feria del Libro gekauft habe." - "Großartig. Worum geht es denn darin?" - "Keine Ahnung. Ich benutze es als Schutzschild, wenn ich zu Buchvorstellungen gehe, in denen die Regierung kritisiert wird."

Foto Anibal Fernandez: Noticias, 24.4.2010
Foto INDEC-Demonstranten: La Nación, 26.4.2010

Zeichnung Bicentenario: Clarín-Beilage N, 24.4.2010

6. April 2010

Pferderepublik I

Nicht nur die Menschen feiern das Bicentenario, 200 Jahre Republik Argentinien. Getreu der Gauchotradition, die zumindest bei Festtagen und im kollektiven Gedächtnis immer noch eine große Rolle spielt, sollen die vierbeinigen Freunde nicht abseit stehen. Im Land von Polo und Pato, dem rustikalen Reiterhandball, sind Pferde nie ganz fern. Die Countries, ländliche Sicherheits-Wohnsiedlungen, die rund um Buenos Aires wie Pilze aus dem Boden schießen, werben gerne damit, dass man Pferde unterbringen könne und einen gepflegte Polorasen vorfinde.

So kann es kaum verwundern, dass zur Einstimmung auf die Feierlichkeiten des Bicentenario, die am 25. Mai ihren Höhepunkt erleben werden, eine Kavalkade von Pferden mitten durch die Stadt geführt wurde. 300 edle Rösser aus argentinischer Züchtung defilierten am Ostersonntag vom Stadtviertel Palermo, das mit Rennbahn und Poloplatz ohnehin pferdegewohnt ist, bis in die Innenstadt und trabten schließlich eine Ehrenrunde rund um den Obelisken herum.

Foto La Nación, 5.4.2010

31. März 2010

Theorielastiges Bicentenario

Das Goethe Institut Buenos Aires konnte in der leicht übersättigten Kulturlandschaft der Capital Federal einen Coup landen. Im Doppelrund des Palais de Glace, dort wo vor 80 Jahrn die Jeunesse dorée Schlittschuh lief, baute es eine Ausstellung von Video- und anderen Installationen zum Bicentenario auf. Der 200-Jahr-Feier Argentiniens und seiner Nachbarländer gedenkt man hier mit neuester Programmkunst aus den Ländern Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Ekuador, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru, Uruguay sowie Venezuela und mit kritischem Rahmenwerk.

Bei letzterem treffen sich deutsche Gründlichkeit und lateinamerikanische Theoriefreudigkeit zu einem Erklärungsmarathon, das einem soziologisch-politologischen Oberseminar alle Ehre machen würde. Schon der Titel Menos tiempo que lugar kommt sperrig daher und bedarf eines ausführlichen Kommentars. Manche Werke entbehren nicht einer gewisssen Beliebigkeit und werden nur durch die beigegebenen Erklärungen auf Kurs gehalten, so die schön anzusehenden drei Kleider auf der Stange, die für die dreifach familiär eingebundene Frau stehen.

Andere erschließen sich unmittelbar. Wenn auf dem Bildschirm des mexikanischen Künstlers ein Polizeihubschrauber in der Luft steht, versteht man, wie omnipräsent und zugleich machtlos angesichts der ausufernden Drogenbanden-Kriminalität die Polizei in diesem geplagten Land ist. Die Fahrt mit dem Vorortzug Bartolomé Mitre , so pompös benannt wie heruntergekommen, durch die häßliche Stadtlandschaft von Buenos Aires an den Bahndämmen bedarf nicht der Zutat einer die Unabhängigkeitserklärung Simon Bolivars abschreibenden Künstlerin. Die Bilder sprechen für sich, und sie transportieren Tristesse. Die Fallhöhe zum Pathos der Gründer ist evident ohne derlei eher bemühte als gelungene Verknüpfungen. Die Fotos vom Camino del Inka lassen spüren, wie stark die präkolumbianischen Prägungen sind, die einige Länder teilen. Nicht über Folklore hinaus kommen dagegen die bolivianischen Frauen, die ständig bunte Wolle für ihre Webwaren aufwickeln oder der mit Federn geschmückte Indio im brasilianischen Amazonasgebiet. Schieres Agitprop ist die Endlostanzschleife eines Uruguayers mit einem Obama-Double. Zweifelhaft auch die Prozedur, die den Bewohnern eines Slums in Venezuela zugemutet wurde. Ohne Englisch zu können, lesen sie laut das schon erwähnte, englische Traktat von Bolivar.

In der Mitte hebt sich eine Treppe ins Nirgendwo. Die Himmelsleiter führt nicht zur Erlösung, und das Hier und Jetzt ist jämmerlich. Mit dieser kritischen Botschaft versuchen die Ausstellungsmacher das Bicentenario der Festansprachen zu unterlaufen.

Kurator Alfons Hug, der im vorigen Jahr mit einer ähnlich gedankenschweren Ausstellung zum Thema Klimawandel in Ushuaia am Fin del Mundo von sich reden machte, zeichnet verantwortlich. Er hat wohl auch vielen Künstlern bei ihren Einzelprojekten konzeptionell die Hand geführt, damit wir alles richtig verstehen. Wie sagte noch der alte Indianer? Hug: Ich habe gesprochen.
Fotos aus dem Prospekt der Ausstellung








26. März 2010

Chopin meets Dante

Der Countdown läuft. Am 25. Mai wird Argentinien als von der Kolonialmacht Spanien unabhängige Republik 200 Jahre alt. Für Vorfreude aufs Bicentenario ist gesorgt. Im ohnehin reich bestückten Kulturkalender von Buenos Aires gibt es nun attraktive Sonderveranstaltungen.

Gestern trafen sich zwei große Geister der Vergangenheit - virtuell. Im Edificio Barolo perlten Piano-Töne durch die riesige Eingangshalle bis hinauf zum Leuchtturm im 14. Stockwerk des ersten Hochhauses der Gründerzeit. Und Dante war dabei. Der italienische Architekt hat in dem Prachtbau zu Ehren seines berühmten Landsmannes vielfältig Themen aus der Divina Commedia verarbeitet. Die Wände der Halle zieren Zitate. Die schmiedeeisernen Gitterfahrstühle schweben vom Purgatorium in den Himmel, der etwas undantesk von den rot blinkenden Lichtern der Strom- und Fernsehmasten bestückt ist und sich über das chaotische Dächergewirr des Buenos Aires von heute spannt.

Die leichtfüßige Introduktion mit Phantasie, Scherzo und Ballade, vom jungen Tomás Alegre gespielt, steigerte sich über Mazurkas zum Crescendo der Großen Polonnaise Brillante unter den kraftvollen Händen von Elsa Puppulo und Martha Noguera. Jeder, der wollte, konnte hereinschlendern und zuhören, libro y gratuito, während sich ab und zu verspätete Angestellte aus den vielen Büros des Barolo auf ihrem Heimweg sachte durch die Menge schoben. So unzeremoniell kommt Kultur in Buenos Aires daher, das aber immer gekonnt.