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4. Januar 2016

Neujahrswünsche im Wellblechdorf

Die Neujahrswünsche von Doreen, Marinda und Martin aus Blikkiesdorp (Wellblechdorf ) im Kapstädter Stadtteil Delft sind etwas anders als die vieler Deutscher. Da geht es nicht um ein neues Auto oder eine besondere Ferienreise.  

Doreens größter Wunsch ist ein eigenes kleines Häuschen für sich und ihre Familie. 19 Jahre wartet die 59jährige schon auf eines der Billighäuser, die die Regierung für die Ärmsten der Armen baut. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann, Rentner und vorher Arbeiter bei der Stadtverwaltung,  und zwei Enkelkindern in einer
 Wellblechhütte. Und ihr anderer großer Wunsch ist es, einmal ruhig schlafen zu können. Das ist im Wellblechdorf kaum möglich, denn nachts herrschen die Gangster. Raub und Mord sind an der Tagesordnung. Die große Arbeitslosigkeit treibt die Jugendlichen den Gangsterbanden und dem Drogenhanel zu.

Nachbarin Marianda ist schon beraubt worden. Seitdem kann sie nachts oft nicht einschlafen. Heute ist ihr Geburtstag. Sie hat frisches Brot gebacken. Mehr kann sie sich nicht leisten. Ihr Freund Martin sitzt mit seinem Hund vor ihrer Wellblechhütte. Sein größter Wunsch ist, dass der Heilige Geist ihn besuchen möge. Wenn du den Heiligen Geist in dir hast, hast du alles, was schön ist. Ich will kein Haus oder Auto haben. Ich kämpfe um den Heiligen Geist. Mehr vielleicht noch als Liebe ist hier der Glaube das Brot der Armen. Je größer die Armut, desto größer die Frömmigkeit.

Mohammad sagt, das war ein schweres Jahr. Ich habe viel durchgemacht. Jetzt will ich mein Bestes tun, nicht für mich, für meine Familie.

Bild 1: Doreen mit ihren Enkeln Ashnay und Raaez.
Bild 2: Marinda hinter dem Stacheldraht vor ihrer Hütte
Bild 3: Martin mit seinem Hund

Bildnachweis: Die Burger, 2. Januar 2016

13. März 2015

Südafrikaner leben gefährlich


Jeder in Südafrika hat gelernt mit dem Verbrechen zu leben. Bei Dunkelheit geht man nicht aus. In einsamen Straßen schaut man über die Schulter. Vor den Fenstern hat man Schutzgitter und am Tor das Schild eine Sicherheitsdienstes. Das alles ist seit Jahren so.

Was mir nach mehrjähriger Abwesenheit neu schien, ist die Offenheit, mit der für Waffenbesitz geworben wird. Viele Südafrikaner haben eine Waffe zuhause. Als ich vor Jahren mit einer kleinen Gruppe von Besuchern eine Diamantenmine besuchte und man die Routinefrage nach mitgeführten Waffen stellte, kam mir das absurd vor, bis eine feine alte Dame einen Revolver aus ihrem Handtäschchen zog und ihn auf den Tisch legte. 





Neu ist aber der große Waffenladen in meinem nächsten Einkaufszentrum und die Anzeige zum Valentinstag, man möge doch seiner Liebsten eine Pistole schenken, gerne auch in Rosa. In den Townships, wo die meisten Verbrechen verübt werden, ist ohnehin kein Mangel an Waffen. Ein Wochenende ohne einen Mord in Kayelitsha oder den anderen Orten der Cape Flats ist eine Nachricht wert. Bang liest man die jährliche Statistik. Die Morde seien zurückgegangen, versichert die Regierung, „Nur“ Raub und Autodiebstahl hätten zugenommen. Ein befreundete Bauunternehmer, ein kerniger, sanguinischer Typ, sagte mir kürzlich resigniert, er sei müde. Das Geschäft werde immer schwieriger. Wenn man irgendwo baue, würde einem das Material unter der Hand weggestohlen.


So nimmt man jede positive Nachricht begierig auf, etwa wenn Jonny Steinberg, der prominente Autor, der immer wieder den Finger auf die Wunde von Gewalttätigkeit und Fremdenhass gelegt hat, in einem offenen Brief erklärt, warum er trotz allem vom idyllischen Oxford ins gefährliche Johannesburg zurückkehrt. Right or wrong my country, ist seine message. Hier bin ich zuhause, hier will ich sein.  

Bild: ein Toter liegt an der Ecke Tamarisk und Schubert Straße in Delft nachdem er am 21.2.2015 erschossen wurde
Quelle: Cape Times, 22.2.2015